Langzeitstudie skandinavischer und britischer Forscher Handys können Krebs auslösen

Nach jahrelangem und intensivem Telefonieren steigt das Risiko, an einem bösartigen Hirntumor zu erkranken

Von Christopher Schrader München Der langjährige Gebrauch von Mobiltelefonen fördert womöglich das Wachstum von Hirntumoren. Neue wissenschaftliche Untersuchungen zeigen einen Anstieg des Risikos bei Menschen, die seit mindestens zehn Jahren regelmäßig oder besonders intensiv ein Handy benutzen.

Um 39 Prozent erhöht sei bei dieser Bevölkerungsgruppe das Risiko für Gliome, das sind Tumoren im Stützgewebe des Hirns, schreiben Wissenschaftler aus Finnland, Schweden, Dänemark, Norwegen und Großbritannien in der Online-Ausgabe des International Journal of Cancer. Das Team um Anna Lahkola von der finnischen Strahlenschutzkommission entdeckte den Effekt bei Menschen, die seit mehr als zehn Jahren mit dem Handy telefonieren. Dabei stellte sich offenbar heraus, dass allein die Seite des Kopfes gefährdet ist, an die die Patienten das Mobiltelefon gewöhnlich halten.

Zuvor hatten schwedische Wissenschaftler um Lennart Hardell vom Universitätshospital Örebro im September 2006 ein noch höheres Risiko berechnet: Wer ein Handy mit aktueller Technik insgesamt länger als 2000 Stunden benutzt hatte, besaß demnach ein um das 3,7-Fache erhöhtes Risiko, an einem bösartigen Hirntumor zu erkranken.

Auch andere Wissenschaftler halten die Ergebnisse für plausibel: Biologisch macht es Sinn, dass die Effekte erst nach zehn Jahren Gebrauch zu erkennen sind. Tumore brauchen lange, bis sie sich entwickeln, sagt Eberhard Greiser, ehemaliger Leiter des Bremer Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin. Dem stimmt Otto Petrowicz zu, der an der Technischen Universität München die Forschungen zum Thema Handy und Gesundheit koordiniert: Auch beim Asbest, bei der radioaktiven Strahlung und beim Tabak hat die Forschung so lang gebraucht, um das Risiko genau zu fassen.

Bislang haben sich Forscher und Behörden wie das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz meist auf die Sprachregelung zurückgezogen, wonach es Hinweise gebe, aber keine Beweise, dass Handys der Gesundheit schaden könnten. Tatsächlich gibt es unter Wissenschaftlern keine allgemein anerkannte Theorie, auf welche Weise die im Körper absorbierte Strahlung die Organe angreifen könnte. Doch die beiden neuen Studien haben zumindest einen wichtigen statistischen Test gemeistert: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Ergebnisse reiner Zufall sind, dass also Handys der Gesundheit der Befragten doch nicht geschadet haben, liegt in beiden Fällen unter fünf Prozent. Jenseits dieser Schwelle betrachten Mediziner Resultate als signifikant. Daran waren viele frühere Analysen gescheitert.

Dennoch bleibt eine große Zahl möglicher Fehlerquellen in den Studien. Die Zahl der Menschen, die vor zehn Jahren schon ein Handy benutzt haben, ist eher klein: Unter Anna Lahkolas 1521 untersuchten Patienten waren es nur 143. Außerdem erinnern sich Menschen selten genau an ihre Telefongewohnheiten vor zehn Jahren. Schon nach sechs Monaten, ergab eine Studie, unterschätzen Wenignutzer ihren Handygebrauch, während Vieltelefonierer ihn überschätzen. Auch führt die Diagnose eines Hirntumors bei Patienten mitunter zu der Überzeugung, sie hätten das Handy stets an die erkrankte Stelle gehalten.

Weiterhin sind besonders unter den Kontrollpersonen sozial Schwächere unterrepräsentiert, liest Eberhard Greiser aus den Zahlen ab. Diese fehlende Balance führt seiner Einschätzung nach dazu, dass die Lahkola-Studie das Risiko eher unterschätzt. Otto Petrowicz mahnt jedoch zur Zurückhaltung: Wir können nicht den Arm hoch halten und rufen: Wir haben den Beweis. Nahezu alle Wissenschaftler fordern weitere Studien, in denen Forscher Handynutzer einige Jahre begleiten und die Entwicklung ihrer Gesundheit protokollieren sollen. Eine solche Untersuchung war in Deutschland im Jahr 2005 geplant, dann jedoch abgesagt worden. Es fanden sich damals nicht genügend Probanden. (Seite 4)