Kriminalität und Flüchtlinge Jede Meldung ein Meinungsbeben

Mit einer Blockade der Leopoldstraße in München verhindern Gegendemonstranten am 77. Jahrestag der Pogromnacht von 1938 einen geplanten "Spaziergang" der ausländer- und islamfeindlichen "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida) von der Münchner Freiheit zum Siegestor.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ein Migrant als Täter? So etwas merken sich die Leute jetzt. Doch machen die vielen neuen Bewohner tatsächlich das Land unsicherer? Niemand weiß es, viele glauben es - und genau das ist das Problem.

Kommentar von Bernd Kastner

Das Gefühl sagt: Deutschland wird immer unsicherer. Das Gefühl sagt, dass daran die vielen Flüchtlinge schuld sind. Das Gefühl kennt auch einen Beweis: die Bilder. Auf den Bildern sind zu sehen: ein Lkw, der in den Weihnachtsmarkt rast; feixende junge Männer, die gerade versucht haben, einen Obdachlosen anzuzünden; ein Mann, der eine Frau eine U-Bahn-Treppe hinuntertritt; ein Baum in Freiburg, der behängt ist mit Trauerbotschaften für die ermordete Studentin. Der Fundus an solchen Bildern scheint unendlich zu sein, jedes einzelne hat ins kollektive Gedächtnis eine vermeintliche Wahrheit eingebrannt: Wir, die Einheimischen, müssen uns in Acht nehmen, der Fremde ist eine Gefahr.

Ist er das wirklich? Macht die Flüchtlingszuwanderung das Land unsicherer?

Darauf gibt es noch keine seriöse, statistisch fundierte Antwort. Dafür ist es ein Jahr nach dem Höhepunkt der "Welle" zu früh. Es gibt allenfalls Näherungen: Der Anteil von Flüchtlingen unter denen, die einer Sexualstraftat verdächtig sind, ist von 2014 auf 2015 gestiegen; ihr Anteil ist höher als in der Gesamtbevölkerung; Nordafrikaner fallen öfter negativ auf als Syrer. Und es gibt die Pflicht, genau hinzuschauen: Trotz der vielen Zuwanderer ist Deutschland, statistisch gesehen, sicherer als vor 20 Jahren; die Fallzahlen der Sexual- und Tötungsdelikte sind gesunken; die Gesamtzahl der Flüchtlinge hat stärker zugenommen als die der Verdächtigen. Ob die Gruppe der Flüchtlinge, unter denen es überproportional viele junge Männer gibt, gewaltbereiter ist als eine vergleichbare Gruppe Einheimischer, ist noch nicht untersucht. Nur: Dem Gefühl wäre das Ergebnis ohnehin egal.

Anis Amri, Terrorist und Bruder

Sie erinnern sich an an einen saufenden, kiffenden, prügelnden Bruder. Geliebt haben sie ihn trotzdem. Unterwegs in Tunesien mit Geschwistern des mutmaßlichen Mörders von Berlin. Von Tim Neshitov, Tunis mehr ...

In Deutschland bebt die Erde gerade jeden Tag

Die kollektive Wahrnehmung wird stark bestimmt von den Medien. Dass sich auf sozialen Plattformen Fakten und Gerüchte zu einem explosiven Brei mischen, ist das eine. Aber auch die klassischen Medien rühren mit. Wie für beinahe jedes Thema gilt auch bei Migrantengewalt: Sobald ein Ereignis die lokale Aufmerksamkeitsschwelle überwindet und überregionale Medien berichten, ist kein Halten mehr; siehe Köln, Silvester. Danach leuchten die Scheinwerfer auch im hintersten Eck noch ein Körnchen News hell und grell aus. Ähnliches kennt man nach verheerenden Erdbeben: In den Tagen danach scheinen sich Katastrophen zu häufen. Tatsächlich aber nimmt man sie meist nur aufmerksamer wahr.

In Deutschland bebt die Erde gerade jeden Tag, und je bewegter und bewegender die Bilder einer Tat, desto stärker die Erschütterung. Bei den Bürgern, aber auch in den Medien, weil Journalisten von der Schlagkraft dieser Bilder ebenso erfasst werden. Und weil sie wissen oder ahnen, was ihre Kunden interessiert. Wenn ein Migrant als mutmaßlicher Täter vermeldet wird, passt das bei vielen Nicht-Migranten zum offenen oder latenten Vorurteil vom "kriminellen Ausländer". Die Nachricht bleibt eher hängen als in anderen Fällen. Dass in Deutschland ein Deutscher mordet, ist ja irgendwie normal.

Deutschland ist so politisiert wie lange nicht

Verbrechen von Migranten entfalten auch deshalb eine solche Wucht, weil die Fremden im Zentrum der Debatte um die Flüchtlingspolitik stehen: Die Rechten nutzen diese Taten als Munition, die anderen sind in einer Abwehrschlacht gefangen. Aus dem tödlichen Pistolenschuss eines deutschen Justizbediensteten in der Silvesternacht auf ein elfjähriges Mädchen lässt sich dagegen kein Kapital schlagen. Auch nicht aus dem Foltermord an einer jungen Chinesin, begangen mutmaßlich von zwei Deutschen.

Deutschland ist so politisiert wie lange nicht; dass da die jüngsten, von Migranten begangenen spektakulären Verbrechen hitzige Debatten auslösen, ist natürlich, notwendig und gefährdet noch nicht den gesellschaftlichen Frieden. Gefährlich wird es dann, wenn auch diejenigen, die ruhig und professionell mit den Gefühlen der Menschen umgehen sollten, sich selbst zu sehr vom Gefühl leiten lassen: Medien und Politik. Ihre Aufgabe ist es, einer aufkommenden Hysterie ruhig und faktenbasiert zu begegnen.

Antworten auf die Frage, ob es gefährlicher wird in Deutschland, stehen noch aus. Eine Antwort aber, was zu tun ist, die gibt es längst. Sie ist banal. Medien müssen differenziert berichten, auch wenn es kompliziert ist. Bei vielen Groß-Politikern würde es schon reichen, wenn sie für ein paar Stunden einfach ruhig wären. Das Entscheidende passiert in den Städten und Dörfern, wo Deutsche und Flüchtlinge neben- und miteinander leben. Dort lässt sich dem Gefühl der Angst am besten begegnen - mit Begegnung. Wer Kontakt zu Fremden sucht und findet, wird Nerviges, aber auch Bereicherndes erleben. Auch das erzeugt Gefühle, mal positiv, mal negativ. Auf jeden Fall sind dies Gefühle, die das Differenzieren lehren.

Mord in Freiburg - "Ein absoluter Ausnahmefall"

In Deutschland wächst die Angst: Sind Zuwanderer krimineller als Eingesessene? Forscher Christian Walburg hält viele Sorgen für unbegründet und erklärt, wie man junge Männer von Gewalttaten abhält. Interview von Matthias Drobinski mehr ...