Von Hanno Charisius

In Deutschland gibt es Impfempfehlungen, aber kein Verpflichtung zu ihrer Umsetzung. Die Krebs-Impfung für Mädchen wird sich nicht durchsetzen, glaubt deshalb der Infektiologe Heinz-Josef Schmitt.

Am Montag hat die Ständige Impfkommission (Stiko) die generelle Impfung gegen humane Papilloma-Viren (HPV) für Mädchen im Alter von 12 bis 17 Jahren empfohlen. Ab April wird die Impfung, die vor Gebärmutterhalskrebs schützen kann, zur Pflichtleistung der Krankenkassen. Für Jungen gilt die Empfehlung nicht. Heinz-Josef Schmitt, Infektiologe an der Kinderklinik der Universität Mainz und Vorsitzender der Stiko, hat an der Empfehlung mitgearbeitet.

Heinz-Josef Schmitt

Heinz-Josef Schmitt (© Foto: oh)

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SZ: Jungen erkranken zwar nur sehr selten, aber sie sind die Überträger der Papilloma-Viren. Warum gilt die Empfehlung nicht auch für sie, sondern nur für Mädchen?

Heinz-Josef Schmitt: Es ist theoretisch sinnvoll, auch Jungen und Männer zu impfen, es gibt jedoch keine epidemiologischen Daten darüber, ob eine Immunisierung von Jungen auch zu einer Reduktion der Gebärmutterhalskrebshäufigkeit bei Frauen führen würde. Das wurde bislang nicht untersucht.

SZ: Die Kosten würden sich verdoppeln, wenn Mädchen und Jungen den Impfstoff bekommen würden. Wäre es das wert?

Schmitt: Medizinisch gesehen könnte es funktionieren. Bei den Röteln zum Beispiel war es so, dass die Krankheit erst zurückgedrängt wurde, nachdem auch die Jungen den Impfstoff bekamen.

SZ: Die Empfehlung der Impfkommission gilt nur bis zu einem Alter von 17 Jahren. Würden aber nicht auch ältere Frauen davon profitieren?

Schmitt: Auf jeden Fall, insbesondere dann, wenn sie noch keinen Sex mit einem HPV-infizierten Partner hatten. Sogar nach einer Papilloma-Infektion kann die Impfung vielleicht noch vor einer Krebserkrankung am Gebärmutterhals schützen, weil das Immunsystem viel stärker auf den Impfstoff reagiert als auf die echten Viren. Außerdem immunisiert der Impfstoff gegen zwei verschiedene HPV-Typen. Wenn sich eine Frau erst mit einem davon angesteckt hat, kann die Impfung immer noch Schutz vor dem zweiten bieten.

SZ: Wie haben die Krankenkassen reagiert? Die Impfung kostet pro Person immerhin 450 Euro.

Schmitt: Schon vor der Empfehlung hatten viele Kassen erklärt, dass sie die Kosten übernehmen werden.

SZ: Woher kommt diese Begeisterung?

Schmitt: Natürlich liegt es auch an dem Nutzen, den die Impfung für die Frauen hat. Aber es ist auch eine einzigartige Möglichkeit für die Krankenkassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, in dem härter werdenden Kampf um Mitglieder. Der Impfstoff wird jetzt eine Zeit lang sehr viel öffentliche Aufmerksamkeit haben, dabei ist es gar nicht der erste, der vor einer Krebserkrankung schützt.

SZ: Sie sprechen von der Impfung gegen das Hepatitis-B-Virus?

Schmitt: Ja, die schützt vor Leberkrebs und die ist seit 1995 empfohlen, aber niemand kümmert sich darum, dass sie auch verabreicht wird. Und genauso wird es bei der Impfung gegen die Papilloma-Viren laufen.

SZ: Wie meinen Sie das?

Schmitt: Es gibt in Deutschland "Impfempfehlungen" aber kein "Impfprogramm". Niemand ist für die Umsetzung von Impfungen verantwortlich, ja es gibt nicht einmal Strukturen dafür, dass Jugendliche gezielt über empfohlene Impfungen beraten werden. Was nutzen die besten Impfstoffe, Impfaufrufe und Impfkampagnen, wenn es kein System gibt, das Impfungen umsetzt?

SZ: Sie rechnen nicht mit einer flächendeckenden Impfung aller Mädchen in Deutschland?

Schmitt: Leider: nein. Heute gibt es eine Menge Aufregung, aber das ist ein Strohfeuer. Eine Impfrate von 30 Prozent innerhalb von drei Jahren wären schon ein Erfolg. Da mache ich mir keine Illusionen.

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