Von Stefan Becker

Mit den Jahren geraten die Menschen immer mehr aus dem Gleichgewicht, physisch wie psychisch. Ein Gegenprogramm.

Sind Sie gerade wieder mal auf der Suche nach Ihrer Mitte und können sie partout nicht finden? Buch, Bett, Badewanne, nichts hilft wirklich weiter, der Geist ist zwar willig, doch der Körper viel zu schwach und die feste Mitte etwas aus der Form geraten, wo sie doch eigentlich stark sein sollte?

Anzeige

Um das Zentrum aber wieder aufzubauen, hilft weder kannenweise Teetrinken noch Abwarten. Im Gegenteil: Damit Sie endlich wieder ins ersehnte Gleichgewicht kommen, damit die körperliche wie geistige Haltung wieder stimmt, müssen Sie täglich nur zehn Minuten trainieren. Erstmal ohne alles, nur auf sich selbst konzentriert - das genügt anfangs als Herausforderung.

"Wie wackelig wir auf einem Bein stehen, das sagt schon sehr viel über unsere Physis und Psyche aus," sagt Jeff Libengood. Er ist einer der prominentesten Trainer in Tokio und ein Mann, der seinem Auge vertraut. "Lastet viel auf der Seele, drückt das auf die Haltung, Kopf und Schultern hängen, der Rücken wird krumm, der Körper verkrampft und von einem Gleichgewicht sind wir ewig entfernt."

Blödsinn, oder? Wir stehen doch alle fest mit beiden Beinen im Leben. Da kann gar nichts passieren. Das sei zwar richtig, sagt Libengood, doch wenn eine Stütze fehle, sei sofort Schluss mit der vermeintlichen Stabilität. Gleich ausprobieren. Und Sie werden spüren: Je aufrechter Sie stehen (gerader Rücken, Schultern zurück, Brust raus) und je mehr Spannung Sie in der Muskulatur aufbauen (Oberschenkel, Po, Bauch und Rücken), desto ruhiger und sicherer wird der Stand. Diese Variation der populären Bauch, Beine und Po-Programme heißt etwas schlicht Koordinations-Training.

Prädikat "bewegungswach"

Der Duden definiert Koordination als das harmonische Zusammenwirken der bei einer Bewegung tätigen Muskeln. Das klingt klar, doch zerlegen Wissenschaftler wie Prof. Dr. Günther Penka von der Bundeswehr-Uni in München die gute alte Koordination in ihre Komponenten, dann wird es komplex und kompliziert: Zur Summe der verschiedenen Fähigkeiten zählen die Reaktion, die Orientierung, das Rhythmusgefühl, ein Gefühl für den angemessenen Krafteinsatz, die optimale Koppelung zum Beispiel von Arm- und Beinarbeit, sowie natürlich die Fähigkeit, sein Gleichgewicht auch auf einer labilen Unterlage zu behalten.

Wer diese Elemente schult und beherrscht, bekommt von Penka das Prädikat "bewegungswach." Von daher ist Tanzen viel besser als Laufen, Laufen besser als Joggen, Joggen aber wieder besser als Stammtischsitzen. Denn laut westlicher Stammtisch-Philosophie kann man ja auf einem Bein überhaupt nicht stehen.

Was für die fernöstliche Yoga-Lehre völliger Unsinn ist. Je leichter der Einbeinstand fällt, zum Beispiel bei der Figur des "Baumes", desto balancierter und konzentrierter verhält sich der Körper. Was leider viel zu selten vorkommt. Den Nachweis zum Koordinations-Defizit in der Gesellschaft lieferte der Sportwissenschaftler Prof. Dr. Christian Raschner von der Uni Innsbruck.

Zusammen mit der Firma MFT entwickelte er eine mobile Mess-Station namens S3 und sammelte Daten zur Stabilität, Symmetrie und Sensomotorik. Für die Forschung baten Raschner und sein Team bis jetzt über 5000 Menschen aller Altersgruppen zum Test auf das sensible Wackelbrett. Mit den Ergebnissen konnte erstmals belegt werden, dass es balancemäßig bei uns nicht zum Besten steht.

Doch ist die Koordination auch im Keller, jeder kann sich wieder ins Gleichgewicht bringen, nimmt den Geist dabei ein weites Stück mit und gewinnt auf dem Weg zurück zu seiner Mitte auch wieder die Freude an der Bewegung.

In New York schwört Personal Trainer Ralf Hennig auf ein funktionelles Krafttraining, das primär der Balance dient. Als Fitmacher der Clintons hat er dafür eigens einen Ball entwickelt. "Schon Babys lernen die grundlegenden motorischen Fähigkeiten durch Bälle: Heben, Halten, Werfen, Fangen, Balancieren - das macht auch im Alter einen aktiven Lebensstil aus. Doch solche Dinge gehen im Laufe der Zeit verloren und das schränkt die Lebensqualität ein. Dabei ist das Basis-Training mit einem Ball so simpel wie effektiv." Deshalb zurück in die Zukunft, wieder Balancieren, Bälle werfen, Seil springen, Klettern - denn als Kind war man von Kopf bis Fuß in der Mitte, und das war gut so.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Wüste bebt

Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...

(SZ Wohlfühlen März 2007)