Kontrollwahn in der Kindererziehung Das Geschäft mit der Angst

Heutzutage wartet im Dickicht vor allem eines: eine unbekannte, aber jedenfalls latente Gefahr. Das wird den Kindern eingeschärft wie einst Rotkäppchen, das allerdings genauso wenig auf dem richtigen Weg blieb wie alle anderen Kinder zu allen anderen Zeiten. Eltern wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist; also werden die Kleinen und nicht ganz so Kleinen vorsorglich mit immer neuen technischen Gadgets ausgestattet, mit kleinen GPS-Sendern, mit Smartphones und Armbanduhren. Die schlagen Alarm, sobald sich das Kind mehr als ein paar Meter vom vorgegebenen Weg entfernt, und Mama, in Panik, kann die Polizei rufen.

Mit dem guten alten Babyfon, der Urmutter aller Überwachungsgeräte, fing alles an. Es gab dann ein paar Jahre später einige ethische Bedenken, als Eltern begannen, die Kinderzimmer heimlich mit Kameras auszustatten, um Kinder, aber vor allem deren Babysitter zu überwachen. Das verletze das Recht auf Privatsphäre, konnte man damals oft hören. Doch das Thema Sicherheit hat solch zarten Einwürfe längst beiseitegeräumt. Inzwischen werden in manchen Geräten Geschwindigkeitsmesser eingebaut, die feststellen, ob der Sohn zu schnell über den Highway jagt; Melder, die feststellen, wann genau die Tochter von der Party zurückgekommen ist - und theoretisch können sie über das eingebaute Mikrofon ja auch noch herausfinden, mit wem.

Berg Insight, eine Firma, die Marktanalysen und Reports für die IT-Branche anfertigt, prophezeit, dass bis 2016 an die 70 Millionen Amerikaner und Europäer ihre Familienangehörigen mit solchen Tracking-Geräten überwachen werden.

Das Geschäft mit der Angst ist außerordentlich lukrativ - da stellt sich irgendwann die Frage, ob die Hersteller nur auf die Nachfrage reagieren oder ob es nicht auch in ihrem eigenen Interesse liegt, den Ängsten der Eltern um ihre Zöglinge ein wenig, nun ja, nachzuhelfen.

Sicher, manches ergibt Sinn. Sender wurden zunächst häufig eingesetzt, um autistische Kinder, die oft weglaufen, zu überwachen. Bei älteren Menschen, die etwa an Demenz leiden, kann ein Ortungssystem ebenfalls wichtig sein. Und auf kanadischen Farmen tragen viele Kids inzwischen Armbänder, die ein Radiosignal aussenden, das angibt, wie weit sie von laufenden Agrarmaschinen entfernt sind. Beliebt sind Tracking-Geräte auch bei lateinamerikanischen Eltern, die Angst vor Entführungen haben. Wobei nicht klar ist, wie diese verhindert werden sollten. Profis finden so einen Sender zweifellos schnell und werfen ihn weg. Vielleicht geht der nächste Schritt dahin, solche Sender gleich zu implantieren.