Es gibt nur eine Möglichkeit, beim Abnehmen nicht zu verzweifeln: Man muss allen Menschen aus dem Weg gehen, die essen. Das kann jedoch eine einsame Zeit werden.
Sagen wir es, wie es ist: Wer öffentlich abnimmt, ist nie allein. Kollegen sehen einen in der Kantine schief an, nur weil man sich ein Schnitzel mit Pommes bestellt und sich an der Kasse auch noch zwei Tüten Mayonnaise mitnimmt. Freunde tippen einem beim Fußball auf den Bauch und behaupten, ich hätte immer noch den Wendekreis eines Mercedes Sprinter. Und natürlich die vielen lieben Leserbriefe mit nützlichen Tipps und aufmunternden Worten. Wie gesagt: Einsam war ich schon lange nicht mehr.
Wer Diät macht, ist allein mit sich, der Welt und dem Brokkoli. (© Foto: iStockphotos)
Anzeige
Auf der anderen Seite bin ich auch frustriert. Nun versuche ich seit fast 30 Wochen, 15 Kilo zu verlieren. Elf Mal habe ich weniger gegessen oder meine Ernährung umgestellt. Genauso oft habe ich mich sportlich versucht. Sechs Mal gab es eine verrückte Idee, die nichts mit Essen oder Sport zu tun hatte. Ich habe mir Mühe gegeben, habe gelitten, habe mich gefreut. Und das Resultat sind neun Kilo. In 30 Wochen. Habe ich vor wenigen Wochen geschrieben, dass ich süchtig nach Diäten sei und es mir gar nicht mehr darum gehe, dass ich Pfunde verliere? Das war Quatsch. Ich habe meine Meinung geändert. Und zwar gewaltig. Ich will endlich dünn sein!
Die Einsicht kam mir in der vergangenen Woche, als ein paar Freunde von mir ins Schwimmbad gehen wollten. Als ich meinen Weißwurst-Körper im Spiegel betrachtete, stellte ich fest, dass ich nur in einem Umstands-Badeanzug mitgehen würde. Alles andere wäre peinlich gewesen. Die hätten sich gar nicht mehr eingekriegt mit lästern. Und natürlich sofort getuschelt, wenn ich mir ein Eis geholt hätte.
Ja, Menschen können grausam sein. Also habe ich in dieser Woche beschlossen, zum Einsiedler zu werden. Wann immer es möglich war, habe ich allein gegessen. Ohne Kommentare. Ohne gute Ratschläge. Es gibt sogar eine Webseite, die sich mit dem Thema "Alleine abnehmen" beschäftigt. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: eine Gruppe, in der jeder allein abnehmen will. Aber egal, ein Versuch schadet nicht.
Ich bin morgens eher aufgestanden, um ohne meine Frau einen Kaffee trinken und mein Müsli essen zu können. Ohne ansehen zu müssen, wie sie sich einen leckeren Nutella-Toast schmiert. Sie kann es sich ja leisten. Oder noch schlimmer: Ihr dabei zusehen müssen, wie sie es schafft, ohne Frühstück aus dem Haus zu gehen und dennoch gut gelaunt zu sein. Da will man gleich wieder ins Bett. So geht es auch einem meiner neuen Internet-Freunde. Er schreibt: "Nach einem gemeinsamen Frühstück mit meiner schlanken Frau will ich entweder sie oder mich umbringen." Nun, ganz so weit ist es bei mir nicht.
Mittags habe ich den Kollegen erzählt, ich müsste zu einem Essen mit einem anderen Kollegen. Und bin allein in die Kantine. Ich wollte ihnen nicht dabei zusehen, wie sie ihre Spanferkel mit zwei Knödeln, die Gyrosbratwurst mit Sauerkraut oder das Seelachsfilet mit Buttersoße essen. Und dann auch noch Schokopudding als Nachtisch mitnehmen. Während ich am Salat nage. Auch hier gibt es einen schönen Eintrag im Allein-Essen-Forum: "Wenn ich meine Kollegen sehe, wie sie ihr fettes Essen in ihre Münder stopfen, könnte ich heulen, wenn ich auf mein trauriges Salatblatt blicke." Hm, so weit ist es bei mir auch.
Nun ist aber ein Alleingang in die Kantine gleichbedeutend mit Klatsch. Was hat er denn angestellt, dass keiner mit ihm essen will? Ist er sauer auf irgendjemanden? Stinkt er? Um dem gleich mal vorzubeugen: Nein, ich habe nichts angestellt! Nichts, wovon ich wüsste oder zugeben würde. Und sauer bin ich auch nicht. Ich habe einfach versucht, meine Diät in dieser Woche durchzuziehen.
Das ist gar nicht so einfach. In der Kantine fragte eine Kollegin: "Darf ich mich zu Dir setzen?" Ich: "Nö, in dieser Woche nicht." Sie sah mich an, als hätte ich ihr vorgeschlagen, einen meiner Zehennägel zu essen. Ich glaube, sie spricht seitdem nicht mehr mit mir. Als ich das als Eintrag in das Forum gepostet habe, kamen zustimmende und aufmunternde Antworten.
Ich bin sogar ausgewichen, als ein Kollege mir mit einem Snickers in der Hand auf dem Gang entgegen kam. Ich schrie: "Weg mit dem Essen." Ich glaube, er hat danach beim Chef gefragt, ob er mich nicht für zwei Wochen in Urlaub schicken könnte.
Abends habe ich mich verdrückt, als meine Frau Spaghetti gekocht hatte und sich an den Esstisch setzte. Ich ging ins Schlafzimmer, um einen Zwieback zu essen und nicht dabei zusehen zu müssen, wie sie die leckeren Nudeln verschlingt. Volle Konzentration darauf, weniger zu essen.
Um ehrlich zu sein: Die einzigen Orte, an denen man ungestört allein essen kann und es niemanden kümmert, sind Fast-Food-Restaurants. Man ist allein mit sich und dem Triple-Whopper. Aber das ist natürlich kontraproduktiv und sorgt eher für mehr Pfunde.
Am Donnerstag Abend gab ich dann mein Einsiedler-Dasein auf und aß mit meiner Frau. Wir haben zusammen gekocht. Sie bereitete einen Salat, ich kümmerte mich um die Hauptspeise, sie backte leckere Muffins als Nachtisch. Alleine essen mag zwar für weniger Pfunde und lustige Einträge in Internet-Foren sorgen. Aber nach dieser Woche wurde mir klar: Lieber mit Kollegen lachen und meiner Frau beim Essen in die Augen sehen als zwei Kilo weniger auf den Rippen haben. Man muss eben doch Prioritäten setzen.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Entspannter Vierbeiner