Kolumne Männer aktuell, heute: Sepp

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Ständig neue Teenager, ständig neue Namen. Dauernd auf dem Beifahrersitz sitzen. Nicht nur wegen der Begegnung mit Sepp stellt sich unsere Autorin Fahrlehrer als den schlimmsten Beruf vor.

Von Johanna Adorján

Ist vielleicht ein bisschen gemein, aber Fahrlehrer stelle ich mir als den schlimmsten Beruf überhaupt vor. Immer nur mit Menschen zu tun zu haben, die schlecht riechen, was sie in einer Situation, die sie nicht perfekt beherrschen, mit 18, 19 Jahren unweigerlich tun. Überhaupt, dauernd im Auto zu sitzen. Auf dem Beifahrersitz. Immer dieselben Straßen rauf- und runtergefahren zu werden und ganz genau zu wissen, dass alle anderen Verkehrsteilnehmer einen mit dem "Fahrschule"-Schild hintendrauf für einen Trottel halten, nicht persönlich, aber als fahrende Gesamtsituation.

Ständig neue Heranwachsende voller Hoffnungen und Angst. Ständig neue Namen. Sich während der Arbeit zu Tode zu langweilen, dabei aber jede Sekunde hochkonzentriert sein zu müssen, denn es kann ja bei jedem Spurwechsel, bei jeder grünen Ampelphase eine unerwartete menschliche Fehlleistung passieren, die nur ein abrupter Bremseinsatz vom Nebensitz aus gerade noch korrigieren kann.

Der Fahrlehrer hat es bestimmt niemals leicht. Seine Schüler aber auch nicht

Insofern: ganz großes Kompliment an meinen Fahrlehrer, dass er zum Beispiel die Zumutung ausgehalten hat, mein Fahrlehrer zu sein. Denn ich wusste nichts über Kupplung oder Gangschaltung, als er mich in der ersten Fahrstunde meines Lebens auf die Autobahn A 9 in Richtung Salzburg zwang. Zwar nur bis zur ersten Abfahrt, aber irgendwann hatte ich die Gangschaltung, die ich fest umklammert hielt, stur seinen Befehlen folgend um irgendwelche Ecken in den fünften Gang hochgeschaltet, von dessen Existenz ich bis zu jenem Tag genauso wenig geahnt hatte wie davon, dass man eine Kupplung "kommen lassen" kann. Ich hatte zum Teil die Augen zu, sagte wieder und wieder, dass ich das nicht könne, schloss innerlich mit meinem Leben ab. Irgendwie brachte uns mein Fahrlehrer sicher wieder zur Fahrschule zurück.

Allergrößten Respekt also, Höllenjob. 37 Stunden habe ich mit meinem Fahrlehrer auf engstem Raum verbracht, fast jede Erinnerung an ihn verdrängt, ausgelöscht. Einmal sehe ich mich undeutlich aus dem Auto steigen, am Perlacher Forst, nachdem ich wohl eingeparkt hatte, ich brülle etwas, wütend, verzweifelt, knalle die Fahrertür zu und laufe den ganzen Weg von dort nach Hause.

Und dann halt die Prüfung. Auf dem Nebensitz mein Fahrlehrer, irgendwie anders als sonst, womöglich nervös, ob ich's schaffe oder aus einem ganz anderen Grund, den ich nicht kenne und der etwas mit dem Mann zu tun hat, der hinten sitzt, dem Prüfer. Beide Männer scheinen genervt oder gelangweilt zu sein, jedenfalls nicht an mir interessiert, nichts Aufmunterndes wird gesagt, großes Schweigen an Bord, bis auf die knappen Anweisungen meines Fahrlehrers. Jetzt rechts. Vorne links. Blinker. Obacht, das war knapp. An der Ampel rechts. So, hier einparken, hier einparken, hab ich gesagt. Grausam, das Schlimmste schon jetzt, das Einparken, doch ich schaffe es, schwitze nur leicht. Motor aus, sagt mein Fahrlehrer, Sie warten hier.

Beide Männer steigen aus, und ich sehe sie das Café betreten, vor dem ich eingeparkt habe. Geschlagene 30 Minuten sitze ich im Wagen, den Hauptteil meiner Prüfung noch vor mir, und warte auf die beiden Männer, und als sie wiederkommen, machen wir weiter, wo wir aufgehört hatten, und ich sage nichts, bescheuerter junger Mensch, der ich bin.

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