Kolumne Männer aktuell, diesmal: Imre

Dieses Mal im Fokus: Der Schriftsteller Imre Kertész. Beziehungsweise seine Ehefrau.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Vor genau zwei Jahren starb der Schriftsteller Imre Kertész, den unsere Autorin ein bisschen kennenlernen durfte. In diesem Text geht es aber insgeheim um seine Frau.

Von Johanna Adorján

Vor zwei Jahren, am 31. März 2016, starb Imre Kertész. Er war Schriftsteller, Literaturnobelpreisträger, Holocaust-Überlebender und einer der feinsten und freundlichsten Menschen, die ich kennen durfte, wenigstens ein kleines bisschen. Sein "Roman eines Schicksallosen" erzählt von seiner Gefangenschaft im Konzentrationslager, erst Auschwitz, dann Buchenwald. Er war damals noch ein Junge, und als er das Buch als Erwachsener schrieb, gelang es ihm, die kindliche Perspektive wieder einzunehmen, die alles betrachtet, ohne zu werten, im Schrecklichen durchaus glückliche Momente entdeckt und dadurch nur umso unbegreiflicher macht, zu was Menschen fähig waren, fähig sind. 13 Jahre arbeitete er an diesem Buch.

Manchmal zwinkert er mir zu

Kertész war schwer an Parkinson erkrankt. Als ich ihn das letzte Mal sah, war er aus seiner geliebten Wahlheimat Berlin wieder zurück nach Budapest gezogen, lebte in einer mit Büchern vollgestellten, ziemlich dunklen Wohnung. Die Krankheit war so schlimm, dass sein Scherz, er könne ja nicht einmal mehr das Fenstersims erklimmen, um hinunterzuspringen, ernst klang. Obwohl er lachte. Aber das tat er womöglich nur, um seinem Gegenüber das Gespräch zu erleichtern.

Traurig, dass er starb, aber nicht unerwartet.

Aber dass seine Frau Magda nur wenige Monate nach ihm starb, das hat mich umgehauen. Ich denke oft an sie, an sie beide, aber eben auch an sie. In meiner Erinnerung wohnen sie noch in Berlin in ihrer schönen, luftigen Dachgeschosswohnung in Charlottenburg. Er sitzt oder liegt, eigentlich ein Sitzliegen, in einem Stuhl, der gekippt werden konnte, je nachdem welcher Winkel am jeweiligen Tag für ihn erträglich war. Er lacht viel, ein warmes Lachen, bei dem man mitlachen muss, ohne zu wissen, warum. Manchmal zwinkert er mir zu. Sein Deutsch ist besser als meines, wegen der ungarischen Färbung klingt es sanft schaukelnd, aber oft redet er zu leise, um jedes Wort zu verstehen.

Ernst ist er, wenn es um Literatur geht, um Goethe, Hemingway. Geht es allgemeiner ums Leben oder die Menschheit, wird er heiter, als Gegengewicht, glaube ich, weil er da rabenschwarz sieht. Kinder wollte er nie. Seine Frau hat sogar Enkel, sehr süße, Fotos von ihnen hängen am Kühlschrank.

Sie trat den Sorgen beherzt entgegen

Und während Imre im Wohnzimmer mit mir redet und ich zuhöre, schafft sie unablässig Köstlichkeiten herbei. Champagner für alle, auch für ihren Mann, der keinen Champagner trinkt, Törtchen, Schnittchen, Schokolade, mehr Schnittchen. Sie hat einen energischen Gang und die Angewohnheit, einen bei der Begrüßung fast zu erdrücken. Ihr Talent, das Leben schön zu gestalten, ist vielleicht eher vorsätzlicher Wille, immer sind frische Blumen in den Vasen, die Servietten gebügelt, sogar ihre Brille sieht festlich aus. Und trotz ihrer unermüdlichen Herzlichkeit umgibt sie etwas Trauriges, Sorgenvolles, dem sie aber mutig und mit viel Geschirrklappern entgegentritt.

Sie hatte Krebs gehabt, ihn besiegt. Der Krebs kam wieder. Sie starb am 8. September 2016, nicht einmal sechs Monate nach ihrem Mann. Auf ihrer Todesanzeige stand ein Zitat von ihm: "Das Leben, das uns gegeben wurde, in vollen Zügen zu leben, das ist unsere Aufgabe, wo immer wir auch sind." Magda Kertész (1942 - 2016) hat das getan.

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