Mina Devi hat nichts gegen die Ehe - solange kein Mann darin vorkommt. Deshalb hat sie ein Buch geheiratet. Das liegt zwar auch herum und schweigt - aber in Versform.
In Sachen Ehe ist alles eine Frage der Perspektive: Wenn Männer nicht heiraten, sind sie clever und freiheitsliebend. Unverheiratete Frauen? Haben keinen abgekriegt. Die Bezeichnung "alte Jungfer" ist eines der wenigen Privilegien, die Frauen ganz allein für sich beanspruchen dürfen, wenn sie in die Jahre kommen.
Mal ehrlich: Welche Frau braucht einen Mann, der achtsilbige Verse von sich gibt, wenn sie ihn fragt, ob er an die Margarine gedacht hat? (© Foto: I-Stock)
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Die Inderin Mina Devi hat dieses Problem überaus elegant umschifft: Sie heiratete ein Buch. In diesem Punkt handelte sie gänzlich unweiblich, nämlich rational. "Ich hatte keine Lust, einen Mann zu heiraten", erklärte die 60-Jährige lapidar. Sie blieb konsequent: Liebesgeplänkel, Rendezvous, Treffen mit den künftigen Schwiegereltern - der ganze Kram entfiel.
Jetzt hat sie ihre Ruhe, und zwar in jeder Hinsicht: Die Dorfbewohner hänseln sie nicht mehr, das Buch steht im Regal und stört nicht weiter. Mit anderen Worten: die perfekte Ehe.
Frau Devis Wahl fiel auf die Shrimad Bhagavad Gita, eine heilige Schrift des Hinduismus, was für ihre makellose sittliche Gesinnung spricht. Geniale Idee. Warum hat die Gute nur so lange damit gewartet? Hat sie die ersten Jahre insgeheim doch darauf gehofft, dass sich die 700 Strophen ein Herz fassen und ihr einen Antrag machen?
So gesehen unterscheidet sich ein Buch ja nur unwesentlich von einem Mann. Es liegt herum und spricht nicht. Da kann man sich auf den Kopf stellen und mit den Füßen wackeln - die Worte wollen einfach nicht entweichen.
Der Vorteil beim Buch ist: Es lässt sich aufklappen. Ein Blick hinein genügt, und die Ehefrau ist schlauer. Selbst wenn es technisch möglich wäre - die Gedanken eines Mannes, der gerade vor sich hinschweigt, sind in den seltensten Fällen zur Veröffentlichung geeignet. So gesehen kann man die Ehe von Frau Devi mit einem Buch schon beinahe als Vernunftehe bezeichnen.
Und was sieht Frau Devi, wenn sie in ihr Buch blickt? Weihevolle Worte. Erhabene Gedanken.
Und Arjuna sank leiderfüllt Auf seines Wagens Sitz zurück, Der Bogen glitt ihm aus der Hand, Und Gram umflorte seinen Blick.
Hm. Naja. Bei Kerzenlicht nicht schlecht. Doch welche Frau braucht einen Mann, der nichts als achtsilbige Verse von sich gibt, selbst wenn sie nur mal eben wissen möchte, ob er an die Margarine gedacht hat?
Die Margarine, sie ward aus Ich trat beherzt ans Kühlregal Und schrie den Kummer mir heraus Denn nun war alles mir egal
Dann vielleicht doch lieber Schweigen.
Sicher, Partnerwahl ist immer auch Geschmacksache. Und so mancher würde eine gebundene Ausgabe der Gesundheitsreform oder die gesammelten Liedtexte von BAP vorziehen. Doch warum nicht etwas Bodenständiges, Praktisches?
Vielleicht sollte Mina ihre Wahl noch einmal überdenken. Es gibt so viele gute Bücher im heiratsfähigen Alter. Ratgeber, Fachbücher, Fremdwörterlexika - die helfen einem wenigstens weiter. Die beste Wahl wäre zweifellos: Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften".
Die Kolumne "Luft und Liebe" erscheint jeden Mittwoch auf sueddeutsche.de.
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(sueddeutsche.de)