Kolumne: Feldversuch Im Samentütchenrausch

Ein Bauer am Ammersee verpachtet sein Feld. Ein Münchner hat die Chance ergriffen und baut zum ersten Mal in seinem Leben Gemüse an. Von nun an jeden Dienstag: die Kolumne "Feldversuch".

Von Max Scharnigg

Seit ich einen Acker gepachtet habe, trage ich mein Ralph-Lauren-Schlafanzugoberteil in einer kleinen Spezialtasche mit mir herum. Das ist die einzige Methode, mit der ich meinen Bekannten und Kollegen beweisen kann, dass ich kein Hippie geworden bin. Die Herrschaften nehmen nämlich an, ich hätte mit der Ackerscholle auch verfilzte Haare, Barfußtänze und milde Weltsicht gepachtet. Ist ein Gespräch an diesem Verdacht angekommen, ziehe ich das Oberteil aus der Tasche und sage sehr scharf: "Hier, haben Hippies vielleicht Schlafanzugoberteile von Ralph Lauren? Ich denke: Nein!"

Der Spatenstich: Max Scharnigg erzählt über seinen Feldversuch.

(Foto: Foto: Istockphoto)

Also: Ja, ich habe einen reizenden oberbayerischen Ackerstreifen für ein Jahr gemietet um darauf Zeug anzubauen. Nein, da steckt keine Neuausrichtung meiner Daseinsdenke dahinter, klar? Gut, dann können wir ja damit anfangen, wie es angefangen hat:

Ich stehe, es ist Mitte April, im "Samen Schmitz" am Viktualienmarkt und suche das liebe Fräulein, das ich zuletzt westlich der Regalwand "Zweijährige Heilkräuter" orten konnte. An meinem Arm hängt ein phänomenaler Einkaufskorb. Sein Phänomen besteht darin, dass er schwer ist, obwohl nur Tütchen mit Samen darin liegen. Es sind also sehr viele Tütchen. Pflücksalat, Kopfsalat, gelbe Rüben, rote Rüben, weiße Rüben, Kohlrabi und afrikanische Minze und dann noch allerlei Klassiker wie Tomaten und Gurken.

Das liebe Fräulein kommt mit einem Best-Of-Wildkräuter im Arm um die Ecke und wir sehen uns in Gesellschaft Tausender Dahlienknollen an wie Verliebte im Tierheim: Wir würden am liebsten alle mitnehmen. Das Problem ist, das wir eigentlich nur Rosmarin für den Balkon wollten. Das Problem ist, dass wir nur einen Balkon haben. Einen Balkon so groß wie ein Gästehandtuch.

Im Samentütchenrausch haben wir unsere Möglichkeiten, was urbares Land angeht, etwas ausgeblendet. Wir kaufen trotzdem den ganzen Korb, die Verkäuferin sagt "Na dann, frohes Pflanzen!" und wir nicken wie ganz normale Gutsbesitzer.

Daheim am Küchentisch erwägen wir die Möglichkeiten. Uns fällt nichts ein. Wie immer, wenn ich konfus am Küchentisch sitze, telefoniert das liebe Fräulein mit seiner Mutter und kommt (nicht immer, aber diesmal) neunzig Minuten später zurück, in der Hand die Telefonnummer von Frau Haindl. Ich telefoniere mit Frau Haindl.

Die Frau Haindl organisiert Bauern, die Land streifenweise an solche Leute verpachten, die bei "Samen Schmitz" den Verstand verloren haben. Ich bestelle hundert Meter Acker. Frau Haindl will sie nicht hergeben. "Aus München?", sagt sie und ringt nach Landluft "alle drei Tage Unkraut rausmachen und die Kartoffelkäfer, wer klaubt die ab? Das schaffen's doch gar nicht, von München aus."

Der Acker liegt nämlich nicht in Schwabing, sondern bei Herrsching. Das ist nicht mal mehr Umland, das ist schon richtiges Oberbayern. Ich sage: "Frau Haindl, einen Acker, bitte, ich meine, bittschön! Wir halten, wenn es sein muss, 24 Stunden Unkraut-Wache und tragen die Kartoffelkäfer einzeln zum, äh, Wertstoffhof? Oder was macht man mit denen?"

Frau Haindl seufzt, sagt in Gottes Namen und dass ich Geld überweisen muss. Sehr wenig Geld, für den phantastischsten, fruchtbarsten, weitläufigsten Acker den ich je gepachtet habe. So erkläre ich es jedenfalls dem lieben Fräulein.

100 Meter Acker!

Mein Freund Martin ruft an und ich schreie ins Telefon: "Land, eigene Scholle, mein Stück Oberbayern!" Zehn Erklärsekunden später fragt er süffisant, ob ich mich jetzt auch für verfilzte Haare und Barfußtänze interessiere. Ich flippe kurz nicht mehr aus. Den Hippie-Aspekt hatte ich nicht bedacht, aber ich gebe zu, bei ungünstiger Betrachtung liegt er nicht allzu fern. Sei's drum, dann trage ich als Gegenbeweis eben meinen Ralph-Lauren-Schlafanzug in einer Spezialtasche mit mir.