Kolumne "Er sagt, sie sagt" Ich bin hier der Mann!

Getanzter Machtkampf: Tango ist, wenn er führt und sie folgt.

(Foto: iStock)

Kräftemessen im Wiegeschritt: Tango funktioniert nur, wenn er führt und sie folgt. Dies kann mitunter die bestehenden Machtverhältnisse in einer Beziehung ziemlich durcheinanderbringen. Eine Kolumne in Dialogform.

Von Violetta Simon

Ein Tanzstudio. Mehrere Paare bewegen sich zu den Klängen eines argentinischen Tangos. Eines davon etwas weniger harmonisch.

Er (bleibt entnervt stehen und zischt ihr zu): Hör auf zu schieben! Hast du nicht gehört, was der Tanzlehrer gesagt hat? Du sollst dich von mir führen lassen.

Sie: Würde ich ja. Aber du führst nicht.

Er: Von wegen. Du lässt dich nicht führen, das ist das Problem! Ständig fügst du eigenständig irgendwelche Schritte an.

Sie: Ich gebe nur Impulse in die richtige Richtung.

Er: Du sollst aber meinen Impulsen folgen. Doch du versuchst es ja nicht einmal. Du musst dich hingeben, dich fallenlassen! Dann funktioniert das auch.

Sie: Wie soll ich mich denn fallenlassen, wenn ich die meiste Zeit Angst habe, dass du mir auf auf den Zehen herumtrampelst?

Er: Also das stimmt nicht, ich bin dir noch nicht einmal auf die Zehen getreten!

Sie: Aber nur, weil ich dir immer einen Schritt voraus bin.

Er: Siehst du, jetzt gibst du selbst zu, dass du dich nicht führen lässt!

Sie: Bitteschön, dann führ. Ich mach jetzt nix mehr. Endgültig. Nix.

Es kommt zu einer Kollision mit einem anderen Paar, er entschuldigt sich. Sie verdreht demonstrativ die Augen. Ihm steht der Schweiß auf der Stirn.

Er: Also, so geht das nicht. Du hängst ja rum wie eine Gummiwurst!

Sie: Das ist wieder typisch! Nur weil du nicht verstehst, was Tango bedeutet, schiebst du die Schuld auf mich.

Er: Ich weiß sehr wohl, was Tango bedeutet: Der Mann führt, die Frau folgt. Und jetzt hör endlich auf zu schieben. Ich bin hier der Mann!

Sie: Soso.

Der Tanzlehrer, ein kleingewachsener, zierlicher Südamerikaner in schwarzem Hemd, schwarzer Weste und mit Einstecktuch, wird auf die beiden aufmerksam. "Gibt es ein Problem?"

Er: Sie lässt sich nicht führen!

Sie: Er weiß nicht, wie's geht!

Der Tanzlehrer zieht sie kurzerhand an sich heran, blickt ihr mit hypnotischem Blick in die Augen und raunt: "Herr führt, Dame spürt." Und zu ihm gewandt: "Gucken Sie ganz genau." Er macht einen Schritt nach vorn, sie einen nach hinten. "Haben Sie gesehen? Ich drücke, sie weicht." Im nächsten Moment gleitet er mit ihr in perfekter Harmonie über die Tanzfläche. Sie, einer Feder gleich, folgt seinen Bewegungen, als hätte sie nie etwas anderes getan. Nach einer Runde übergibt er die Dame an ihren Gatten. "Ist ganz einfach, wenn die Frau folgt. Die folgt aber nur, wenn der Mann führt."

Er (seine Laune hat sich mittlerweile eindeutig verschlechtert): Ach da schau her - plötzlich geht es.

Sie: Sag ich doch! Es lag nicht an mir.

Er (macht einen Schritt nach vorn): Das werden wir ja sehen.

Sie (schreit auf und zieht ihren Fuß unter seinem hervor): Autsch! Siehst du, du kannst es nicht. Das kommt davon, dass du unten losgehst, aber oben kein Zeichen gibst!

Er: Ha! Dass ich nicht lache. Du hast dich bei dem tanzenden Macho doch nur zusammengerissen.

Sie: Quatsch. Dir fehlt es an Biss, das ist es.

Er: Ach ja? Und dieser Miniaturlackaffe hat Biss, oder was? Soll ich mir vielleicht eine Rose zwischen die Lippen klemmen, damit du mich ernst nimmst?

Sie: Mir reicht's. Ich geh aufs Klo.

Am Ende der Tanzstunde nimmt ihn der Tanzlehrer an der Garderobe beiseite, klopft ihm auf die Schulter und flüstert ihm zu: "Machen Sie sich nichts draus. Die Sache mit dem Führen und Folgen funktioniert bei mir wirklich mit jeder Frau. Nur nicht mit meiner eigenen."