Kolumne Dreißignochwas Krasses Pornofetischding

Man kann schnell aus dem Kontinuum plumpsen. Dazu muss man gar nicht junge Frauen angeifern, als wäre man eine Figur aus einem Heinz-Erhardt-Film.

(Foto: dpa)

Aus der Zeit fällt man schnell - dafür muss man sich nicht aufführen wie eine Figur aus einem Heinz-Erhardt-Film. Gesellschaftliche Normen ändern sich häufig, das zeigt sich schon bei den Themen Rauchen und Intimrasur.

Von Judith Liere

Die schöne Formulierung "aus der Zeit gefallen" hat eine steile Karriere gemacht. Unter Journalisten ist sie Mitte 2012 schwer in Mode gekommen, zeigt die Trefferzahl im Pressearchiv. Nachdem der Stern Anfang 2013 mit dieser Formulierung den anzüglichen Rainer Brüderle beschrieben hatte, wurde sie noch beliebter, dann tauchte sie in fast jedem Artikel über den eigenbrötlerischen Cornelius Gurlitt auf.

Man kann schnell aus dem Kontinuum plumpsen. Dazu muss man gar nicht junge Frauen angeifern, als wäre man eine Figur aus einem Heinz-Erhardt-Film (Brüderle), oder Hotels per Brief reservieren und in einem Schlafkleid zu Bett gehen (Gurlitt). Auch mit Mitte dreißig versteht man manchmal die Welt nicht mehr, die um einen herum dauernd mit irgendwas weitermacht.

Das gilt nicht nur für temporäre Trends, sondern auch für gesellschaftliche Normen. Ein Beispiel: Intimbehaarung. Als ich im Jahre 1999 angefangen habe zu studieren, wurde über eine Kommilitonin hinter vorgehaltener Hand getratscht, sie sei "untenrum rasiert". Das war eine Information mit Sensationswert, weil es noch (zumindest unter Germanistikstudenten) als krasses Pornofetischding galt.

Doch schon im Hauptstudium wurden unrasierte Frauen in eine Schublade mit der Kelly Family und anderen ungepflegten Hippies gesteckt. Heute ist eine behaarte Scham ein politisches Statement, mit dem man ein Zeichen setzt gegen irgendwas mit Unterdrückung und Körperkult und so. Dabei möchte manche Frau vielleicht gar nichts damit aussagen, sondern einfach nur keine fiesen Rasierpickel.

Ein anderes Beispiel ist das Rauchen. Kürzlich war ich in Australien, wenn ich dort gefragt habe, wo ich denn rauchen dürfe, kam als Kommentar: "Ah, you're european." Europa - dieses aus der Zeit gefallene Land, die alte Welt, wo man noch nicht auf seine Gesundheit achtet. Im New York Magazine war kürzlich zu lesen, was man als Amerikaner in Paris alles Schockierendes beobachten kann: junge Eltern etwa, die auf dem Balkon rauchen. Noch schlimmer: private Partys, auf denen geraucht wird. Diese unzivilisierten Barbaren. Auch in Deutschland wurde ich neulich von Leuten angemeckert, weil ich mir auf der Terrasse eines Cafés, auf dessen Tischen Aschenbecher standen, eine Zigarette angezündet hatte.

Bevor nun entsprechende Belehrungen kommen: Ich rauche etwa zwei Zigaretten am Tag. Ja, ich weiß, dass auch das ungesund ist. Ich mache es aber trotzdem. Nicht, weil ich aus der Zeit gefallen wäre. Ich mache das als politisches Statement, aus Protest gegen Unterdrückung und Körperkult und so. Und das ist doch eigentlich ziemlich zeitgemäß.