Wenn die Punkband Fehlfarben zum Abendessen kommt, drehen sich die Gespräche nicht um die Mahlzeit. Es geht um Bier, Museumsbesuche und die Musik anderer Bands.

"Hey, ihr Typen! Wartet auf mich!" Saskia humpelt mir und meinem Kollegen linkisch auf einer Straße in der Kölner Südstadt hinterher. Ihr Typen? Ich sage: "Sag mal, du kannst dir wohl unsere Namen nicht merken?" Und ergänze in Gedanken: Und das nach über drei Stunden Essen bereiten, Essen essen und zechen in unserem High-End-Kochstudio.

Nicht immer politisch korrekt: Szene aus dem Fehlfarben-Video "Politdisko". (© Foto: Screenshot)

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"Stimmt!" antwortet Saskia und strahlt. "Und was ist denn mit deinem Fuß? Wieso humpelst du eigentlich?" - "Ist mir ein riesiges massives Fahrradschloss draufgefallen! Bomm!" Saskia von Klitzing spielt Schlagzeug bei der Band Fehlfarben; beim gemeinsamen Essen merkte man, wie gut sie mit Peter Hein kann. Kein Wunder also, dass sie so frech ist und nicht mal aus Goodwill unsere Scheißnamen behält.

Thomas und ich sollen sie nun auf dem Nachhauseweg ein Stück mitnehmen. "Boah, ihr habt da ja ein echtes Auto!" Endlich in diesem angelangt, versuche ich es mal anders: "Hey, Saskia, du wohnst doch anscheinend in der Nähe, wollen wir nicht ab jetzt mehr zusammen rumhängen? Du so als die Künstlerin mit deiner Kunst und wir so als Pop-Journalisten mit unseren wässrigen Hundeaugen?" Saskia lehnt dankend oder besser: dröhnend ab. Klar, hat sie ja doch bereits echte Styler um sich rum. Und zwar die von den Fehlfarben.

Stunden zuvor

Kurt Dahlke und Peter Hein laufen zum gemeinschaftlichen Kochen auf - Hein trägt einen schluffigen Anzug und spitze Schuhe; Dahlke, auch bekannt unter seinem Power-Rangers-Bösewicht-mäßigen Kampfnamen "Der Pyrolator", sieht dagegen mehr casual aus, sein Extra-Skill allerdings: der hohe Knuddelfaktor. Mitgekommen auch noch Saskia und diverse Plattenfirmen-Celebritys. Peter Hein sieht schlanker aus, als ich ihn von der Bühne in der Düsseldorfer Kunsthalle in Erinnerung habe.

Das war damals kurz vor der 2002-Fehlfarben-Reunion mit "Knietief im Dispo". Das Buch "Verschwende deine Jugend" von Jürgen Teipel war durch das große Interesse an Punk-Nostalgie zur Ausstellung aufgeblasen worden, und Hein spielte mit ein paar anderen Veteranen einen energischen One-Off-Gig als "die Band zum Buch". Von dem bauchlastigen Schrank auf jener Bühne ist heute wenig übrig. Erfolg macht dünn.

Zudem hatte Hein mittlerweile seinen bürgerlichen Beruf verlassen und zog sogar von Düsseldorf nach Wien. Konnte man sich eigentlich gar nie vorstellen. Denn die Fehlfarben standen doch stets für linkswertkonservative Identifikation der Generation "Monarchie und Alltag" sowie für einen bodenständigen Düsseldorf-Regionalismus. "Ich bin mittlerweile der Letzte, der noch da ausharrt", sagt Kurt - und ergänzt, dass es auch ihm langsam reiche mit so viel lokaler Treue. Sollte er auch noch die Segel streichen, würde damit ja sogar die große Instanz, das eigene Label Atatak von der beliebten Landeshauptstadt NRWs abgekoppelt. Ein bisschen arg viel Blasphemie. Doch ganz so unrheinisch bringen es die Fehlfarben auch im bald 30. Bestandsjahr dann doch nicht. Als Provokation gegen das in Köln stattfindende Kochen hoolte man nämlich im Vorfeld folgendes Rezept zu: "Düsseldorfer Rostbraten". Und natürlich auch: "Altbier!"

"Wir sind nur aus Düsseldorf"

Mir kommt es fast ein bisschen unhöflich vor, von dieser Breitseite dermaßen empörungslos zurückgelassen zu werden. Stamme ich doch aus Hessen und Kollege Thomas Venker aus einem Erdloch nahe Stuttgart-Zuffenhausen. Köln vs. Düsseldorf und Bierfehden zerschellen an diesen schlechten Voraussetzungen so wirkungslos wie PC-Viren an einem Suppentopf. Obwohl es doch immer wieder pittoresk ist, wenn man immer mal wieder auf wen trifft, der diese Instant-Bruderkriege tatsächlich mit eigenem Engagement füllt. "Ach, uns hat der Scheiß auch nie interessiert", nölt Peter Hein. "Aber immer, wenn wir in Köln sind, wird gestichelt: 'Willst'n Kölsch? Düsseldorf, der Parkplatz von Köln!' Da wollten wir auch mal in die Offensive, konnten ja nicht ahnen, dass das überhaupt nicht ankommt."

Küchen / Analogie / Maschine

Die Leitung an den Töpfen und Brettchen hat Kurt. "Eigentlich esse ich kaum Fleisch, meine Frau ist Vegetarierin. Nur wenn ich dann unterwegs bin, nutze ich die Gelegenheit." Aber klar ... Musiker, unterwegs, Gelegenheit - da malt man sich gern sonst was aus. Kurt schneidet Zwiebeln für die Panade und rührt kunstreich eine Paste für die Fleischstücke an. Unaufgeregt und effizient. So gilt er ja auch als Produzent - wenn diese holzschnittige Analogie gestattet sei.

Die ließe sich sogar noch weiterführen, wenn über die akute Produktivität der ganzen Band gesprochen wird. Einst als probe- und songfaul verschrien, geht's 2007 richtig hoch her. "Die jammen fünf Minuten bei mir, und nach dem ersten Riff heißt es mitunter schon: 'Komm, nimm mal auf!'", erzählt Kurt. Ähnlich begeisterungsfähig ist Peter Hein auch im Haushalt. Schnell am Messer, aber dann auch wieder schnell mit großem Wein im Hinterzimmer damit beschäftigt, obskure 80er-Platten des Fotografen zu bewundern.

Aber Moment mal, Peter Hein interessiert sich für Musik von anderen? Das ist ja mal ganz was Neues, wo er sich doch sonst so vehement gegen jedes Interesse an Bands außerhalb der eigenen ausspricht. Aber nee, ganz interessiert ist die sämige Legende hier und heute, man erfährt sogar, dass er auf Tour, wenn die anderen morgens noch an der Autobahnraststätte auspennen, oft bereits schon die örtlichen Mini-Museen aufgesucht hat.

Außerdem kommt wieder zur Sprache, was zwar kein Geheimnis ist, sich aber doch nie rumspricht: Auch auf der letzten Platte "Handbuch für die Welt" stammen viele der Texte gar nicht oder nur zum Teil von Hein. Aber "ich redigiere alles, was ich singe, schreibe darin herum, bringe andere Perspektiven ein", sagt er. So ergeben sich tatsächlich konstruktive Brüche, so trifft auf knapper Songlänge jede Aussage mitunter schon wieder ihr eigenes Korrektiv. Besonders deutlich auf der ersten Single "Politdisko", deren Basis vornehmlich Frank Fenstermacher lieferte - und dessen humanistische Grundidee durch Heins gallige Erweiterungen einen reizvoll abgefuckten Twist erhält. So, der Düsseldorf-Braten ist nun auch fertig. Dahlke arrangiert ihn noch schön mit dicker, gespaltener Gewürzgurke. Ein netter Abend folgt und uns später dann humpelnd Saskia von Klitzing. Aber diese Geschichte ist ja bereits erzählt.

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(Intro)