Knigge für die Feiertage Bei Geschenken "Gespür für einander entwickeln"

Sollte jemand, der mehr Geld hat, auch mehr Geld für Geschenke ausgeben?

"Wäre es denn gut, wenn alle immer gleich viel ausgeben? Was sollten dann Kinder ihren Eltern unter den Baum legen? Im Gegenzug zur Eisenbahn oder zum neuen Smartphone etwas im gleichen Wert? Das hieße lange sparen; strahlende Kinderaugen wären vermutlich schnell passé, das Ganze also nicht sehr weihnachtlich. Nun liegt dem Schenken hier von Anfang ein asymmetrisches Verhältnis zugrunde, und darin scheint mir auch das Problem zu bestehen: Ungleiche Geschenke werden oft als Ausdruck eines ungleichen Verhältnisses empfunden. Aber nur dann, wenn man im Schenken einen Austausch sieht - wie es leider zu Weihnachten sehr oft der Fall ist. Geht es beim Schenken hingegen mehr um die beim Gegenüber ausgelöste Freude oder gar darum, gemeinsam möglichst gut zu leben, wären diese Überlegungen gar kein Thema. Deshalb spricht viel dafür, dass die, denen es leichter fällt, mehr geben. Außer es besteht die Gefahr, dass die großzügig Beschenkten beschämt werden und sich womöglich mit Gegengaben übernehmen. Dann sollten sich lieber beide zurückhalten. Wann das der Fall ist? Das wissen wohl am ehesten die Beteiligten. Vorausgesetzt, sie versuchen ein Gespür füreinander zu entwickeln. Aber das ist ohnehin keine schlechte Übung."

Der Kolumnist Rainer Erlinger beantwortet jede Woche die "Gewissensfrage" im SZ-Magazin.