Kinderwunsch Die Deutschen wollen mehr Kinder

Eine Studie liefert überraschende Ergebnisse: Der Trend geht zur Großfamilie. Hat unsere Familienpolitik endlich gefruchtet? Oder wollten sich die Befragten aus Imagegründen kinderfreundlicher geben als sie sind?

Von Felix Berth

Würde man diese Zahlen auf den Schreibtisch Ursula von der Leyens legen, dürfte sie nach kurzer Lektüre noch begeisterter lächeln als sie dies ohnehin meist tut: Der Kinderwunsch der Deutschen scheint in den Jahren von 2001 bis 2006 sprunghaft gestiegen zu sein, stärker als in jedem anderen europäischen Land.

Der deutsche Mann, das deuten die neuen Daten an, wünscht sich im Durchschnitt inzwischen wieder mehr als zwei Kinder - offenbar sprießt der familiäre Optimismus im Land. Einen schöneren Beleg für die Wirksamkeit ihrer Familienpolitik könnte sich eine Ministerin kaum wünschen.

Die deutschen Zahlen, die aus einer Umfrage der EU-Kommission stammen, haben freilich einen Schönheitsfehler. Sie sehen so überragend positiv aus, dass sich Wissenschaftler fragen, ob der Wunsch nach Kindern tatsächlich so schnell wachsen kann oder ob irgendwo ein methodischer Fehler steckt.

Ermittelt wurde der Anstieg vom "Eurobarometer", einer seriösen, groß angelegten Meinungsumfrage, welche die Europäische Kommission seit mehr als dreißig Jahren zu verschiedenen Themen in Auftrag gibt. Im Jahr 2001 wie im Jahr 2006 fragte man, welche Kinderzahl als ideal gilt. Die Antworten von zweitausend Deutschen ergaben 2001 einen durchschnittlichen Kinderwunsch von 1,7 bei Männern und 2,0 bei Frauen.

Plötzlicher Meinungswechsel

Fünf Jahre später, im Frühjahr 2006, sah das anders aus: Der Wunsch nach Nachwuchs war enorm gestiegen - auf durchschnittlich 2,2 Kinder bei Männern und 2,3 bei Frauen. Offenbar entwickelt vor allem der deutsche Mann eine wachsende Begeisterung für den Nachwuchs.

Maria Rita Testa und Wolfgang Lutz, Demographen an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, haben die Daten im Auftrag der EU analysiert. Als sie den enormen Sprung in Deutschland bemerkten, wurden beide skeptisch: "Normalerweise verändern sich Meinungen bei dieser Fragestellung nicht so rasant", sagt Testa.

Das zeigten auch die Ergebnisse aus den anderen 14 EU-Staaten: In manchen Ländern wie Spanien oder Schweden blieben die Werte noch zwei Stellen hinter dem Komma unverändert; bereits die Entwicklung in Österreich, wo der Kinderwunsch der Männer von 1,9 auf 1,7 gesunken ist, gilt als relativ ausgeprägt.

Kinderlosigkeit als Problem

Also suchten die Wissenschaftler bei den deutschen Werten nach methodischen Fehlern. Doch bisher deutet kaum etwas auf sozialwissenschaftlichen Pfusch hin: Die Stichprobe war ausreichend groß, die Fragestellung war unverändert und nicht suggestiv. Nur ein paar Kleinigkeiten stellte Testa fest - etwa, dass bei der Befragung 2006 die Kinderlosen in Deutschland ein wenig unterrepräsentiert waren. Weil aber gerade Kinderlose tendenziell weniger Nachwuchs möchten, dürfte dies das Ergebnis etwas verzerren.

Gleichwohl: Den deutschen Riesensprung erklärt dieser Fehler nur zu einem kleinen Teil. Das vorsichtige Fazit der Demographin Testa: "Das unerwartete Ergebnis könnte etwas mit der Debatte über Kinderlosigkeit zu tun haben, die im Frühjahr 2006 in Deutschland lief."

Kinderlosigkeit sei dabei häufig als Problem geschildert worden; dies könne sich in scheinbar "kinderfreundlichen" Antworten niedergeschlagen haben. Ihr Rat ist deshalb: Nicht in Euphorie ausbrechen, sondern die nächsten Daten abwarten. Das Eurobarometer wird die gleiche Frage im Jahr 2011 wieder stellen. Und ein paar nationale Erhebungen dürfte es bis dahin auch noch geben.