Von Martin Zips

Vor allem emotionale Kälte und Desinteresse sorgen dafür, dass viele Kinder von Anfang an keine Zukunft haben

Als der neue Freund bei der Mutter eingezogen war, sagte er: "Entweder dein Sohn geht oder ich". Die Mutter entschied sich für den Freund und gegen ihren 15-jährigen Sohn. Nun wusste der Junge nicht, wo er schlafen soll.

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Er wendete sich an ein Berliner Jugendzentrum. Es war schon Abend, das Jugendamt hatte geschlossen, und das Jugendzentrum durfte keine Kinder über Nacht aufnehmen. Doch es gab ja nur wenige Meter entfernt die Kriseneinrichtung - eine Institution, die Kindern und Jugendlichen vorübergehend ein Bett zur Verfügung stellt, wenn sie daheim nicht mehr schlafen können oder wollen.

Doch dort erklärte die Sozialpädagogin, dass sich der 15-Jährige zunächst beim 20 Kilometer entfernten Jugendnotdienst die nötigen Unterlagen für seine Einweisung und für die Kostenübernahme besorgen müsse. Ein Mitarbeiter des Jugendzentrums verließ kurz den Raum, um den Jungen dann mit dem Auto dorthin zu fahren. Doch plötzlich war der Junge verschwunden. Es war ihm alles zu viel geworden. Unter Berliner Jugendarbeitern heißt es, der Junge sei eines von vielen Opfern des Umgangs mit hilfsbedürftigen Jugendlichen in Deutschland.

Armut macht dumm

Es mangelt nicht an gutgemeinten Forderungen zum Weltkindertag. Wegen der "zunehmenden Kinderarmut in unserem Land" appelliert der Arbeiter-Samariter-Bund dafür, schnell für die Unterstützung der Kinder zu sorgen, die "aufgrund der Armut ihrer Familie an vielen gesellschaftlichen Aktivitäten nicht teilhaben können". Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Erwerbslosen- und Sozialhilfe-Initiativen setzt auf höhere "HartzIV"-Leistungen.

Trotz des Mottos des diesjährigen Weltkindertags ("Mehr Achtung für Kinder") und diversen Aufrufen, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern, steht in der öffentlichen Debatte der Aspekt der finanziellen Armut im Vordergrund. So forderte der Kinderschutzbund die Bundesregierung dazu auf, Bundesländer und Kommunen zum Ausbau der Ganztagesbetreuung zu verpflichten und finanziell zu unterstützen. Für die Kinder von Asylbewerbern, Hartz-IV- und Sozialhilfe-Empfängern müsse der Besuch ganztägiger Bildungseinrichtungen kostenlos sein. Der Grund, kurz gesagt: Armut reduziert die Chancen auf einen guten Schulabschluss, ist ungesund und macht dumm.

Tatsächlich entsetzt die Zahl der deutschen Kinder in finanzieller Armut: Es sind etwa 2,6 Millionen Kinder, die von staatlicher Unterstützung leben. Der Hartz-IV-Regelsatz für ein Kind beträgt 208 Euro monatlich - egal, ob das Kind vier oder 14 Jahre alt ist. Bei der Berechnung ging man davon aus, dass ein Kind 2,57 Euro pro Tag für Essen und Trinken braucht. Doch schon ein Mittagessen im Kindergarten kostet mehr. Geht es um die Finanzen, so befindet sich Deutschland laut einem Unicef-Bericht zur Situation der Kinder in 24 Industrieländern auf Platz 14. Am besten ist die materielle Situation der Kinder in Schweden, am schlechtesten in Polen.

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