Ein Gespräch mit dem Familientherapeuten Wolfgang Bergmann, der mit den Ansichten der Bestsellerautoren Michael Winterhoff und Bernhard Bueb abrechnet.
SZ: Herr Bergmann, Bücher wie "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" des Jugendpsychiaters Michael Winterhoff und "Lob der Disziplin" des ehemaligen Leiters des Eliteinternats Salem, Bernhard Bueb, sind derzeit sehr erfolgreich. Eine These der beiden Autoren: Eltern müssen ihren Kindern wieder mehr Grenzen setzen. Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihrer Kollegen? Bergmann: Sie scheinen einen Nerv getroffen zu haben. Und auch wenn ich damit offensichtlich derzeit recht alleine stehe: Ich habe etwas gegen diesen disziplinarischen Jargon, der auf eine unterdrückte, verkrampfte, verklemmte Art und Weise daherkommt. Dieser Bürokratenkram, dieses halb verfehlte Psychologendeutsch ödet mich zutiefst an. Die Welt ist zu komplex für die einfachen Antworten von Bueb und Winterhoff. Ihre reaktionären Thesen können, wenn es schlecht geht, die Hölle in einer Familie anrichten. Davor muss man die Familien schützen.
Ordnung und Disziplin haben nach Ansich von Familientherapeuten Bergmann nichts in der Erziehung verloren. (© Foto: ddp)
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SZ: Ihr neues Buch, als eine Art Gegenrede zu Winterhoff und Bueb angelegt, soll im März erscheinen. Gönnen Sie Ihren Kollegen den Erfolg nicht? Sind Sie womöglich eifersüchtig? Bergmann: Ach Gott, worauf denn? Nein, ich wünsche mir nicht, diese Bücher geschrieben zu haben. Ich glaube, ich bekäme Probleme mit mir selber.
SZ: Winterhoff, hinter dem eine große Verlagsgruppe steht, überlegt eine Klage wegen Geschäftsschädigung. Ursprünglich war geplant, Ihr Buch "Wie unsere Kinder keine Tyrannen werden" zu nennen. Nun sind Sie eingeknickt: Es soll anders heißen. Bergmann: Ich schreibe kein Wort gegen Winterhoff als Person, ich kenne ihn gar nicht. Mir kommt es auf etwas ganz anderes an: Beide, Winterhoff und Bueb, sind Hervorbringungen einer neuen kalten Erziehungskultur. Dagegen muss man Kinder und Familien schützen. Zu den Verlagsangelegenheiten soll und darf ich mich nicht äußern.
SZ: Was stört Sie denn inhaltlich an Bueb und Winterhoff? Bergmann: Dass sie in ihren Büchern viel zu einseitig auf Gehorsam abzielen. Gehorsam behindert die Intelligenz, Entfaltung und die Freiheit eines Kindes. Ich plädiere für mehr Gelassenheit, Geduld und Liebe im Umgang mit Kin-dern. Bei Bueb ist die Sache ja einfach: Er vergleicht die Erziehung eines Kindes in der Konsequenz des Strafens mit der Dressur eines Hundes. Das ist doch mal eine klare Aussage! Wenn man ihn näher kennengelernt hat, so glaubt man ihm zwar, dass er körperliche Strafen gegenüber Kindern ablehnt und sicher auch noch niemanden aus dem Fenster geschmissen hat.
SZ: Wie beruhigend. Bergmann: Es macht mich aber unendlich zornig, wenn er behauptet, elterliche Strafen seien ein Liebesbeweis. Da hört der Spaß auf. Ich stelle mir ein zehnjähriges Kind vor, das wegen einer Fünf in Mathe nicht auf den Geburtstag eines Freundes darf und in der Kammer jämmerlich weint. Das soll ein Liebesbeweis sein? Das ist eine Perversion von Erziehung. Wenn Sie sehen, mit welchem Vertrauen Kinder ihre Hand Mama oder Papa geben. Und dann kommt dieses permanente "Das muss man kontrollieren" und "Das muss man bestrafen" solcher Disziplinarpädagogen wie Winterhoff. Er schreibt ja allen Ernstes, dass Kinder unter gewissen Voraussetzungen nicht zwischen einem Stuhl und der Oma, die drauf sitzt, unterscheiden können. Das ist natürlich Unsinn.
SZ: Winterhoff - der auch zu diesem Gespräch eingeladen war, aber mit Ihnen nicht sprechen möchte - sagt, dass immer mehr Eltern vor dem Problem stehen, nicht mehr mit sich selbst zurechtzukommen. Ein Grund dafür sei die Gesellschaft, die es nicht mehr schaffe, ihren Mitgliedern Orientierung, Sicherheit und Anerkennung zu geben. Und er beschreibt das Problem, welches Kindern daraus entsteht: Dass sich Eltern ihre Anerkennung plötzlich über den Nachwuchs holen. Bergmann: Therapeuten, Schulpsychologen und Kindergärtner beobachten immer mehr Fälle von Kindern, die sich sehr leicht ablenken lassen. Man spricht von ADS, einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Das aber führt Winterhoff stets auf den gleichen Punkt zurück: Zu wenig "Gegenwehr" der Eltern. Die Annahme, dass die Sozialität eines Kindes vor allem durch die Gegenwehr der Eltern entsteht, ist nicht nur fachlich falsch, sondern lockt Eltern auch auf den falschen Weg. Die Frage ist doch viel eher: Wie wird ein Kind am besten mit sich selbst und der Welt vertraut? Da komme ich zu ganz anderen Lösungen. Ich will, dass Kinder geliebt und nicht gestraft werden.
SZ: Was ist denn so falsch an der Theorie Winterhoffs, dass ein gesundes fünfjähriges Kind auch mal den Tisch decken und den Eltern im Alltag helfen sollte? Und stimmt es nicht auch, dass man Kinder, die beispielsweise keine Hausaufgaben machen wollen, nicht irgendwie bestrafen sollte? Bergmann: Wie ich sehe, wurden Sie schon von Winterhoff infiziert. Ich sage Ihnen was: Diese Dinge wusste schon meine Oma. Da muss man doch kein Buch schreiben. Das Fatale ist: Zwischen den Zeilen lanciert Winterhoff ein Bild von Kindern, die eine pure Katastrophe sind. Er behauptet: Wenn das so weitergeht, wird diese Gesellschaft bald ihre Kinder hassen. Und er ist damit nicht allein. In jeder pädagogischen Buchhandlung geht man ja reihenweise an neuen Büchern vorbei, die Ordnung und Disziplin fordern.
SZ: Wieso ist das so? Bergmann: Erstens sind uns unsere Kinder ziemlich egal. Wir wollen uns nicht anstrengen, wir wollen unsere Rituale nicht aufgeben und auch nicht unseren deutschnationalen Charakter. Ich war gerade auf einer Diskussion zum Thema "Kinder und Computer". Da kam immer die gleiche Frage: "Wie kontrolliere ich, was mein Kind am Computer macht?" Wenn wir an unsere Kinder denken, so denken wir also zunächst an Kontrolle, Konsequenz und Strafe. Das ist der Erfolg von Winterhoff, Bueb und der Supernanny.
SZ: Aber wieso haben diese drei einen so großen Erfolg? Hat das nicht vor allem damit zu tun, dass die Kinder von 68 nun selber Kinder haben und die Libertinage ihrer Eltern satt sind und sich nach klaren Regeln sehnen? Bergmann: Ach, das ist doch ein Mythos! Die aggressivsten Jugendlichen gibt es in Ostdeutschland, und dort hat es nie eine 68er Bewegung gegeben. Ich selbst habe einst den dritten antiautoritären Kindergarten in Deutschland mitbegründet. Dort gab es selbstverständlich auch Regeln. Und es gab auch ein Mitfühlen mit den Schwächeren. Wenn einer den anderen gequält hat, dann wurde auch in einem antiautoritären Kindergarten der Erzieher zornig.
SZ: Dann scheint Ihr Kindergarten ja nicht sehr antiautoritär gewesen zu sein. Bergmann: Abgesehen von ein paar Idioten, die es auch in dieser Disziplindiskussion gibt, waren die Pädagogen damals vernüftige Leute, die mit den deutschnationalen Traditionen seinerzeit brechen wollten. Und das war auch dringend notwendig.
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Vielen dank für deine offenen Worte. Ich finde es sehr mutig, sich selbst KONSTRUKTIV infragezustellen. Du hast nicht aufgegeben. Das macht dich zu einer echten Supermama.
Klar gibt es negative gesellschaftliche Entwicklungen und Einflüsse - wie z.B. Autoren, die sich im Kampf um Aufmerksamkeit und Einnahmen gegenseitig die Worte im Munde verdrehen ;-) Für dich und deine Tochter hast aber du die Verantwortung und bist ihr gerecht geworden. Kompliment
Wenn einige "Kritiker" immer behaupten, dass Winterhoff eine autoritäre, kalte Strategie zu mehr Gehorsam fährt, wie kommt es dann, dass ich durch das Lesen der Bücher zu einem liebe- und verständnisvollerem Verhältnis zu meiner Tochter gefunden habe und wir jetzt glücklicher als in den letzten 9 Jahren sind???? Das sollen mir all die tollen Kritiker mal erklären. Nichts von dem, was dieser Bergmann hier nämlich Winterhoff unterstellt entspricht der Wahrheit. Offensichtlich machen sich manche nicht mal die Mühe die Bücher und Thesen zu lesen und zu verstehen, bevor sie darüber herziehen. Ich habe eine ziemlich schlechte Zeit mit meiner Tochter hinter mir. Sie ist 12 und bis vor kurzem war unser Verhältnis durch meine Gefühlskälte bestimmt unter der meine Tochter sehr litt. Ich wusste, dass ich mich falsch verhalte, aber ich war so enttäuscht von dem ständigen jahrelangen "scheinbaren" Fehlverhalten meiner Tochter, dass ich ihr nicht mehr anders begegnen konnte, als kalt und abweisend. Gespräche mit Familientherapeuten brachten gar nichts. Meine Tochter zeigte bereits Formen von Selbstverletzung in einem nicht eindeutig diagnostiziertem Rahmen. Als ich die Bücher von Winterhoff las, spürte ich eine innere Veränderung, wie ich sie noch durch keinen einzigen Ratgeber erlebt habe. Ich habe seitdem das Gefühl um Jahre geistig "gereift" zu sein und endlich zu verstehen, was ich all die Jahre falsch gemacht habe. Ja, ich habe mich in der von Winterhoff beschriebenen Beziehungsstörung "Symbiose" wiedererkannt. Seitdem habe ich mich dermaßen verändert, dass ein normaler liebevoller Umgang mit meiner Tochter quasi "über Nacht" wieder möglich wurde. Das Störungsbild der Selbstverletzung meiner Tochter ist seitdem verschwunden, wir sind glücklich, denn ich habe viel mehr Verständnis für sie und ein Gefühl von ohnmächtiger Wut und Hilflosigkeit bei schlechtem Verhalten, kommt nicht mehr in mir auf. Eben weil ich genau das tue, was Winterhoff empfiehlt. Das Kind in seinem Verhalten als Kind mit unreifer Psyche zu sehen und es nicht mehr damit zu überfordern meine erwachsenen Erklärungen verstehen zu müssen. Ich bin Winterhoff zutiefst dankbar.
Ausgezeichneter Kommentar.
Ich kann mich nur anschließen
In einer globalisierten Welt ist nur mehr Gewinnmaximierung gefragt. Kinder bringen keinen finanziellen Gewinn, im Gegenteil, sie brauchen viel Investition, vor allem Zeit und Liebe. Aber genau diese kostbare Zeit ist notwendig, um mit Kindern eine liebevolle Beziehung aufzubauen, die Grundlage der Eltern-Kind-Beziehung.
Aber heute zerstört sogar der Staat die familliären Familienbeziehungen, indem er Familien durch überhöhte Steuern und Abgaben finanziell ausbeutet und dadurch beide Elternteile voll erwerbstätig sein müssen. Folglich müssen die Kinder so früh wie möglich fremd erzogen werden (Kinderkrippen und Tagesstätten). Kindererziehung und Familienleben wird zum Nebenjob und die gestressten Eltern (und auch Kinder) sind in der knappen "Qualitätszeit" (so nennt es unsere Familienministerin) überfordert. Natürlich sind dann Erziehungsratgeber, neue Pädagogikrichtlinien wie Disziplin und Gehorsam notwendig, weil die natürlichen, auf Liebe und Vertrauen gegründeten Familienbeziehungen gestört sind.
Auch eine globalisierte. unmenschliche Wirtschaft fordert Unterordnung und Anpassung sowie maximale Bildung und grenzenlosen Wettbewerb. Und ohne Zucht und Ordnung sind diese Ziele nicht erreichbar. Also muss der Mensch von Anfang an entsprechend umerzogen werden................
Auf die Spitze getrieben hat die Konditionierung von Kindern der Herr Schreber, der Namensgeber besagter Gärten und Tyrann seiner Kinder, die wohl mehr oder weniger an seinen Erziehungsmethoden, die er natürlich an ihnen praktizierte, zerbrochen sind.
Anerkennung und vielen Dank an Herrn Bergmann!
Paging