Kinderarbeit in Indien Die Kindergräber

Der 14-jährige Loganathan an seinem Arbeitsplatz. In dieser Region im Süden Indiens reiht sich Steinbruch an Steinbruch.

(Foto: Hema Chowdary)

Jeder dritte Grabstein auf Deutschlands Friedhöfen stammt aus Indien. Billig, aber ohne Kinderarbeit hergestellt, sagen die Steinmetze. Ein deutscher Experte ist vom Gegenteil überzeugt - und macht sich inkognito auf eine gefährliche Reise.

Von Björn Stephan

Am Ende sitzt Pütter telefonierend auf einem Bett in diesem heruntergekommenen Hotelzimmer in Bangalore und ihn überfällt eine Scheißangst. "Wir müssen weg! Jetzt!" Pütter steht auf und wirft seine vier Hemden und drei Hosen, die Kamera und den Laptop, alles, was er auf diese Reise nach Indien mitgenommen hat, in seinen Koffer und stürmt, den Koffer hinter sich ziehend, aus dem Zimmer zum Fahrstuhl. "Wir sind in Lebensgefahr!", sagt er, als der Fahrstuhl seine Türen schließt.

Minuten zuvor hat er noch anders geklungen, da hat er verkündet, dass er es seinen Feinden endlich heimzahlen könne. Dass seine Entdeckung ein politisches Erdbeben in Deutschland auslösen werde. Doch jetzt scheint seine Tarnung aufgeflogen zu sein.

Benjamin Pütter, 57, ist Experte für Kinderarbeit bei der katholischen NGO "Die Sternsinger". Er ist aus Freiburg nach Bangalore gereist und hat ein Dutzend Steinbrüche aufgespürt, in denen Granit für Grabsteine geschlagen wird. Er hat sich dabei als Importeur von Grabsteinen ausgegeben, als "Frank Burghan von Marmorplus" aus Berlin, auf Reisen mit mir, dem Journalisten, als Sekretär, und einem Fotografen. Aber in Wahrheit hat Pütter Kinder gesucht, die in den Steinbrüchen ausgebeutet werden - für billige Grabsteine in Deutschland.

An der Rezeption angekommen, fingert er mit zittrigen Händen seine Visa-Karte aus dem Geldbeutel. "Soll ich Ihnen ein Taxi bestellen?", fragt der Rezeptionist. - "Nein, nein!", sagt Pütter. Die Gunda, glaubt er, könnte dann die Spur nachverfolgen. Er läuft auf die Straße und winkt eine Rikscha herbei. "Wir legen uns mit den ganz Großen an. Denen ist alles zuzutrauen." Gunda ist Hindi und heißt Mafia. "Wenn die 30 000 Euro ausgeben, um mich juristisch fertigzumachen, geben die auch 1000 Euro aus, um mich kaltzumachen." Er quetscht seine 1,94 Meter und 120 Kilo auf die Rückbank, die Rikscha knattert in den Verkehr, der wie die ganze Millionenstadt einer einzigen Verstopfung gleicht. Nur weg. Erst mal in ein Hotel am anderen Ende der Stadt.

Ein großer Mann in einem riesigen Land. Ein Land, in dem sich Hightech und Sklaverei begegnen. Und ein Mann, der überzeugt ist, seine Reise werde dies ein wenig besser machen. Benjamin Pütter will beweisen, was eine ganze Industrie bestreitet: dass Kinder viele der Steine schlagen, die auf deutschen Gräbern stehen. Seine Recherchen sollen in ein Gesetz münden, in Regeln und Verbote, die dies in Zukunft verhindern. Das ist seit mehr als zehn Jahren seine Mission, und mit ihr hat er sich viele Feinde gemacht.

Egon Meffle ist ein vierschrötiger Mann mit Schnäuzer und Handwerkerhänden. Meffle, 63 Jahre alt, ist Steinmetzmeister. Er übernahm seinen Betrieb vor 32 Jahren vom Vater. Seit 1888 sind die Meffles Steinmetze in Schutterwald bei Offenburg, 7000 Einwohner, drei Kirchen, ein Friedhof. Von hier aus erscheint Indien weiter weg als der Mond.

Doch seit einiger Zeit muss sich Meffle für Indien rechtfertigen: seit Kunden in seinen Laden kommen und fragen, ob auch er Steine von dort verkaufe. Wenn Meffle darüber redet, in breitem Badisch, kann er sehr wütend werden. "Natürlich bestelle ich auch Steine in Indien", sagt er, "Indien hat neben Brasilien die schönsten Farben. Ich kann die Dinger ja nicht in Schweden holen."

Mindestens jeder dritte Grabstein auf deutschen Friedhöfen stammt aus Indien. Die Steine tragen Fantasienamen wie "Paradiso" oder "Himalaya Gandhi". Die Steinmetze ordern die Steine über Importeure, bei Meffle sind das Großhändler aus den Niederlanden und Portugal.

Die Steine werden in Südindien geschlagen, auf Laster geladen, in Fabriken vor Ort zersägt und geschliffen und dann meistens über den Hafen von Chennai verschifft: als Rohblöcke, fünf bis zwanzig Tonnen schwer, als Tranchen, 500 bis 1500 Kilogramm, oder als polierte Grabmäler. Entweder zunächst nach China, wo Inschriften graviert werden, oder direkt nach Europa.

Die Kunden mögen die Steine wegen der Farben. Die Steinmetze, weil sie lukrativ sind. Sie verkaufen sie fast zum gleichen Preis wie die im Einkauf deutlich teureren deutschen Steine. Seit den Achtzigerjahren geht das so, als die ersten industriell gefertigten Steine aus Indien den Markt erreichten. Sie machten viele Steinmetze von Handwerkern zu Händlern. Für Meffle war das nie ein Problem.

Sein Geschäft lief gut - bis Pütter auftauchte und der "ganze Zinnober losging", wie Meffle sagt. Meffle ist Pütter nie begegnet, doch seine Stimme klingt verächtlich, wenn er von ihm redet. "Dieser Pütter hat die Steinmetze zu Sündenböcken gemacht."

An einem Tag im vergangenen September, zwei Monate vor seiner gefährlichen Reise, steht Benjamin Pütter mit zerknittertem Hemd und bordeauxrotem Schal in einem Konferenzsaal in Berlin. Vor ihm sitzen fünfzig Unterstützer bei Streuselkuchen und Filterkaffee. Sie feiern zehn Jahre "Xertifix". So heißt der Verein, den Pütter mit Norbert Blüm, dem ehemaligen Arbeitsminister, gegründet hat, um Grabsteine zu zertifizieren. Das Jubiläum ist auch Pütters Abschied, er zieht sich vom Vorsitz zurück. Andere sollen übernehmen, die kein ganz so großes Feindbild für die Steinmetze sind.

Bis heute hat Xertifix 180 Steinbrüche zertifiziert, etwa für Pflastersteine und Küchenplatten. Aber keinen für Grabsteine. Denn niemand, kein Steinmetz und kein Importeur, hat Xertifix einen Auftrag erteilt.

Pütter taxiert das Publikum. Er sagt, er sei der Beweis, dass es ein Einzelner schaffen könne, die Wahrnehmung eines Themas zu ändern. "Ich weiß, das klingt eingebildet, aber das bin ich auch." Der Saal lacht.

Glaubt man Pütter, geht die Geschichte so: Im Jahr 1999 kamen einige Steinmetze zu ihm. Sie klagten über Steine aus Indien, die ein Drittel so viel kosteten wie deutsche. Sie baten Pütter zu prüfen, warum Steine, die um die halbe Welt geschafft werden, so billig seien. Da könne doch etwas nicht stimmen.

Pütter, Theologe, groß geworden in der Friedensbewegung der Achtzigerjahre, ehemaliger Redenschreiber von Petra Kelly, arbeitete damals bei der NGO Misereor. Er hatte sich einen Namen gemacht, weil er mit dem späteren Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi den "Global March Against Child Labour" organisiert hatte. Und weil er indische Kinder, die Teppiche knüpften, aus der Sklaverei befreit und ein Fair-Trade-Siegel für Teppiche gegründet hatte.

Als er von der Sache mit den Grabsteinen hörte, hielt es Pütter noch für unmöglich. Ein Kind, das mit schwerem Presslufthammer einen Zwanzig-Tonnen-Block Granit spaltet - wie sollte das gehen?

Eine Weile später, im Jahr 2000, reiste Pütter nach Indien und fuhr dort unangekündigt in sieben Steinbrüche. Was er sah, bestürzte ihn: Jeder fünfte Arbeiter war ein Kind, zwischen zwölf und 17 Jahre alt. In einem Steinbruch waren sogar 200 der 266 Arbeiter unter 18.

Pütter fotografierte alles: Kinder, die an Presslufthämmern standen, bei 40 Grad im Schatten. Zerschundene Füße und von Sprengungen verstümmelte Hände. Kinder, die taub waren vom Lärm, weil sie keinen Hörschutz trugen. Und Kinder, die Staub atmeten, weil sie keine Maske trugen. Die für zwanzig Cent am Tag arbeiteten. Die nur selten älter als vierzig Jahre werden, weil sie an einer Staublunge sterben.

Zurück in Deutschland machte Pütter das Thema öffentlich. Er wandte sich an Politiker, traf Journalisten, gewann Unterstützer wie Klaus Maria Brandauer und Heidemarie Wieczorek-Zeul, er flog mit Norbert Blüm nach Indien und gründete mit der Unterstützung von Misereor und eigenem Geld, 12 000 Euro, Xertifix. Deutsche Steinmetze und Importeure sollten den Verein beauftragen: Er würde gegen eine Gebühr von zwei Prozent des Warenwerts ein Siegel ausstellen. Pütter ahnte nicht, dass nur wenige Steinmetze davon etwas wissen wollten.