Kinder Wir sind alle Gewinner

Es gibt keinen Frust mehr, weil jeder - und sei er noch so schlecht - einen Pokal gewinnt.

(Foto: Studio Romantic - stock.adobe.co)

Letzter beim Fußballturnier geworden? Egal. Heute bekommen Kinder bei jeder Gelegenheit einen Pokal überreicht. Was soll das?

Von Georg Cadeggianini

Mein Neunjähriger, ein echter Champion. Direkt über seinem Bett - noch näher am Kopfkissen als seine Comicsammlung - stehen sie aufgereiht: die Trophäen seines Wirkens. Der Henkelpokal etwa auf dem untersten Regalbrett, Kunststoff in Silberoptik, 15,5 Zentimeter, mit einem Deckel aus echtem Metall (Wendelstein-Cup, siebter Platz). Das Stollen­schuhimitat, schräg gestellt, bereit, mit dem Vollspann abzuziehen, Gold­imitat, mit Edelstahlmutter im Granit­sockel verschraubt (Herbsttur­nier letztes Jahr, vorletz­ter Platz). Der Plastikjudoka vom Nikolauswettkampf, für den kürzesten Fight, dessen abgebrochener Kopf schon beim Heimfahren in der Polster­falte der Rückbank verschwunden ist. Der Pokal mit einer Eins drauf, lorbeerumkränzt, legiertes Blech, von der Geburtstagsfeier vor ein paar Wochen. Der Zylinderkelch, stolze 29 Zentimeter, in der Form von irgendwas zwischen Schienbeinschoner und Weißbierglas, Innenwandfarbe: Blaumetallic (Würmtal-Cup. War er da überhaupt?)

Der Pokal hat eine garstige Karriere hinter sich. War er einst stolzes und elitäres Signum der Auserwählten, das nach einem erbitterten Wettkampf mit Highlanderpathos gen Himmel gereckt wurde ("Es kann nur einen geben"), sym­bolisiert er neuerdings nicht viel mehr als: "Ich war dabei." Pokale sind heutzutage wie die Gold- und Silber­medaillen auf Supermarktweinflaschen: inflationär, wertlos, fast schon verdächtig.

Bei Turnieren stehen sie oft von Anfang an da, gut sichtbar, meistens dort, wo man den QR-Code für die aktuellen Turnierstände scannen kann: nicht einer und auch nicht drei, in Gold, Silber und Bronze, sondern Hunderte, Granitsockel an Granitsockel, und alle gleich. Sind so viele Spieler überhaupt da? Egal. Am Ende bekommt selbst der einen verliehen, der seine Schuhe zu Hause vergessen hat, genau wie der, der sogar für die Ersatzbank zu schlecht ist. Und dann noch einen für den kleinen Bruder.

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Dieser Text stammt aus dem Magazin "Süddeutsche Zeitung Familie".

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In Amerika gibt es Bowlingbahnen, auf deren Eingabepult eine Art Kindergeburtstagsmodus gewählt werden kann. Jeder Spieler kegelt ein paarmal in die Vollen. Egal, wie blöd sich das Kind anstellt, einmal fallen bei jedem alle Zehne - dafür sorgt zur Not der Automat. Wir sind alle Nummer eins.

Es ist wie bei den Simpsons: Da beobachten in einer Folge zwei Betreuerinnen durch eine Glasscheibe die Kinder, unter ihnen Maggie, wie sie unzufrieden im Bällebad treiben. "Die Kinder sehen unglücklich aus", sagt die eine Angestellte. Darauf die andere: "Mehr Bälle!"

Gegen Inflation hilft, na, was wohl, Hyperinflation. Die Schwiegereltern kündigen sich an, für einen ganz kurzen spontanen Besuch - und bleiben tatsächlich nur zwei Minuten. Wirklich? - Pokal. Die Kinderzimmertür wird leise geschlossen. Mit Türklinke runterdrücken? - Pokal. Jedes verdammte Mal. Die vollste Windel der Familien­geschichte könnte prämiert werden, mit einem Wander­pokal. Dem Kack-Wander-Cup. Mehr Bälle! Mein neun­jähriger Sohn hat mir von einem Pokal erzählt, der "We are the champions" spielt, sobald man den Deckel abnimmt. Dazu blinken rhythmisch LEDs in der Kuppa.

Die Pokalhuberei hat zwei Haken. Erstens schaffen wir damit den Frust ab. Die ganze Gleichmacherei, das Abschleifen von Siegertreppchen - ja niemandem wehtun, wir sind alle Gewinner - nimmt den Kindern die Chance auf eine wichtige Erfahrung: "Mist, diesmal hat es nicht gereicht", Tränen, Frust, Sporttaschekicken und dann, ein bisschen später: "Ich lebe trotzdem weiter."

Das zweite Problem ist, dass das erste nicht existiert: Denn die Kinder checken den Verrat sofort - wenn auch Hans und Franz mit einem Pokal rauslaufen, kann da was nicht stimmen. Wettbewerb ist Wettbewerb. Und natürlich haben Hans und Franz nicht gewonnen. Das heißt: Die Pokalflut ist eine Elternveranstaltung, etwas fürs nette Foto für die Oma, ein Trostpflaster fürs kurze Kinderstrahlen. Am Ende hat man Verlierer, die Frust schieben, weil sie verloren haben, und Gewinner, die sich vollkommen zu Recht betrogen fühlen.

Es bleiben: Pokale ohne Wert - das dritte und einzig wirk­liche Problem. Sie sind sinnlos (selbst Hersteller raten davon ab, daraus zu trinken), abgrundtief hässlich (metallicblau!) und unveräußerlich (der Secondhandmarkt für Billigpokale entwickelt sich diametral entgegengesetzt zur persönlichen Einschätzung des Sportlerkindes: "Da ist Gold dran"). In Zeiten des Decluttering Haushalte syste­matisch und nahezu wöchentlich mit Fake-Edelmetall vollzumüllen, halte ich für verantwortungslos. Pokale sind wie Atommüll. Es steckt irre viel Energie drin. Will man sie entsorgen, hagelt's Protest. Und am Ende weiß keiner, wohin damit. Jeder, der mir dafür eine Lösung präsentiert, be­kommt, äh ... eh klar.

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