Kinder - der ganz normale Wahnsinn Zäh, zäher, Hausaufgaben

Schule macht Spaß, aber nur am Vormittag. Statt nachmittags ihre Hausaufgaben konzentriert, schnell und ohne zu meckern zu erledigen, arbeiten Kinder lieber an Fluchtplänen, um doch zum Spielplatz zu entkommen.

Eine Kolumne von Katja Schnitzler

Schon am ersten Schultag ahnten die Eltern: Das mit den Hausaufgaben könnte schwierig werden. Es wurde schwierig. Das Kind war nach Hause gekommen, hatte den neuen Ranzen abgestreift und war über die Schultüte hergefallen. Dann spielte es. Dann aß es den Kuchen zur Feier des Tages. Dann spielte es weiter. Und die Hausaufgaben? "Ach nö, keine Lust!" Das ist nicht die Antwort, die Eltern hören möchten. Schon gar nicht, weil sie wissen: An den Nachmittagen in den kommenden neun, zehn, zwölf Jahren bleibt es nicht beim Ausmalen eines Ranzen-Bildes.

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Nach der Schule den Ranzen in die Ecke werfen und ab zum Spielen? Das verhindert der wahre Ernst des Lebens: Hausaufgaben.

(Foto: J. Hosse)

Mit der Menge, in der die Zahl der Hausaufgaben zunahm, wurde auch die Lust beim Kind kleiner, diese zu erledigen: "Mama, ich muss mich schon in der Schule konzentrieren und den ganzen Vormittag stillsitzen. Da ist die ganze Kraft dafür schon weg", argumentierte das Kind sehr schlüssig und überzeugend. Es musste sich trotzdem hinsetzen. Wobei "hinsetzen" so eigentlich nicht stimmte.

Niedergedrückt von der Last der Hausaufgabe hielt sich das Kind gerade so am Stuhl, die eine Körperhälfte zog es Richtung Boden, den Absturz verhinderten schwer aufgestützte Ellenbogen am Tisch. Der Blick weilte ebenso schwer im aufgeschlagenen Heft. War es schon am Lesen? Am Lernen? Am Rechnen? Nein, es war das Aufgabenheft.

"Jetzt komm, reiß dich mal zusammen, dann hast du es schneller hinter dir und kannst spielen gehen!" Mundfaule Eltern nehmen diesen Satz auf und spulen ihn alle fünf Minuten automatisch ab. Wer dabei vergisst, persönlich nach dem Schulkind zu schauen, erlebt eine Überraschung.

Es gibt eine Charakterschwäche, genannt "Aufschieberitis", unter der einige Erwachsene und sehr viele Schulkinder leiden. Während die Erwachsenen anfangen, den Keller auszuräumen, um nicht die Steuer erklären zu müssen, kommen die Kinder auf ganz andere Ideen. Oft müssen sie dafür ihren Platz am Schreibtisch verlassen.

Spitzgeräusche vor dem Mülleimer: "Ich spitze Deine Stifte auch alle mit, Mama!"

Juchzen unter dem Sofa: "Ich habe meinen Playmobil-Piraten wiedergefunden, den ich letzten Winter verloren hatte!"

Die Haustür steht offen, ein leises Schaben und Kratzen ist vom großen Baum im Vorgarten zu hören: "Ich ritze meinen Namen in den Stamm, damit jeder weiß, dass ich hier wohne."

Zurück zum Tisch zitiert, geht es mit den Hausaufgaben auch nicht schneller voran. Ist es der falsche Zeitpunkt, fragen sich die Eltern und starten eine kleine Testreihe. Leider führt diese nicht zum Erfolg: Vor dem Essen ist das Kind zu hungrig, um sich konzentrieren zu können. Gleich nach dem Essen ist es zu müde, die Energie wird zum Verdauen gebraucht. Eine Stunde nach dem Essen hat es den Lust-Tiefpunkt erreicht, das Spielen ist gerade so schön. Und nach dem Spielen am frühen Abend hat es leider keine Kraft mehr. Das Toben war zu anstrengend.

Ganz kurz überlegen die Eltern, ihre Schrift zu verstellen und die Hausaufgaben selbst zu machen. Dann beschließen sie, dass sie in ihrem Leben schon genug Schularbeiten hatten und das Kind da jetzt durch muss. Leider müssen sie mit.

Weil sie es nicht mehr mitansehen können, wie das Kind fünf Minuten für die Rechenaufgabe zwölf plus sieben braucht, treten die Eltern vor die Haustür. Aus der Baumkrone im Vorgarten hören sie Hammerklopfen. Es ist der Nachbarsjunge.