Kinder - der ganz normale Wahnsinn Verliebt in den Falschen

Wenn Teenager den ersten Freund mit nach Hause bringen, haben Eltern schon ein Bild von ihm im Kopf, manchmal sogar ein ideales. Dumm, wenn vor der Tür ein ganz anderer steht.

Eine Kolumne von Katja Schnitzler

Ich war so gespannt! Seit Wochen hatte ich Gesprächsfetzen aufgeschnappt, die zwischen der Teenager-Tochter und ihrer Freundin hin und her flatterten, begleitet von Kichern und Prusten und vor Aufregung stets leichter Schnappatmung. Ein "Neuer" war an der Schule, in der Klasse über den beiden. Seitdem bestimmte er den Tag unserer Tochter und damit den der besten Freundin gleich mit, man war ja solidarisch. Nicht, dass er davon wüsste. Aber sollte jemals jemand verdächtigt werden, ein wenig Gold der Bundesbank beiseitegeschafft zu haben, er würde nicht genauer observiert als dieser "Neue".

Was gefällt ihm nur an diesem Mädchen, fragen sich die Eltern des Jungen. Und was gefällt ihr nur an diesem Jungen, wundern sich die Eltern des Mädchens.

(Foto: J. Hosse)

Jede Geste, jeder Rundblick über den Pausenhof, jedes zu lange Fixieren einer Schülerin, ja jedes Zucken im Gesicht des "Neuen" wurde von den Spioninnen beobachtet, festgehalten und analysiert. Erst auf dem Heimweg, dann beim gemeinsamen Mittagessen, dann auf unserem Balkon, der zur Einsatzzentrale wurde im Fall "Neuer". Dort stellten die beiden nach zwei Stunden fest, dass ihre Expertise nicht ausreichte und sie dringend weitere Freundinnen per Facebook hinzuziehen mussten.

Ich hörte mit und litt mit, nicht nur wegen der Dauerbelegung des Balkons. Ich dachte daran zurück, wie es war, als mein Schwarm endlich sein Auge wohlgefällig auf mir ruhen ließ ... hatte damals nicht die Andeutung eines Lächelns seine Mundwinkel umspielt? Dass sich der Schwarm als uncharmanter Depp herausgestellt hatte, sobald er den Mund öffnete ... nun, man muss sich ja nicht unbedingt an alle Details erinnern. Doch dem Hörensagen nach gehörte der "Neue" nicht in diese ernüchternde Kategorie. Je nachdem welches Detail ich über das Phantom der Schule erfuhr, erschien ein anderes Bild von ihm vor meinem inneren Auge.

Er hat Witz, eine umwerfende Eloquenz: Ich sah Barack Obama (wie seine Redenschreiber aussehen, weiß ich nicht)! Er hat ein unverschämt-freches Grinsen: Campino! Er ist fast schon unheimlich lässig: George Clooney! Ich drückte unserer Tochter umso mehr die Daumen, schließlich wollte ich den Obama-Campino-Clooney-Verschnitt kennenlernen, live und in Farbe.

Eine Woche später erkannte ich am verklärten Gesicht und der absoluten Nichtansprechbarkeit der Tochter: Es hatte gefunkt, endlich auch bei ihm. Die Spannung nahm zu, ich musste noch abwarten: das erste gemeinsame Eis-Essen (außer Haus), den ersten gemeinsamen Schwimmbad-Besuch (außer Haus), den ersten gemeinsamen Kinobesuch (außer Haus). Dann endlich kündigte sich das erste Treffen mit dem "Neuen" an, also das erste Treffen zwischen mir und ihm: Er wollte unsere Tochter zu einer Party abholen.

Als es klingelte, war ich schneller an der Tür als unsere Tochter, und das war eine Leistung. Ich konnte mich beherrschen und öffnete betont langsam. Und dann stand da, nein, kein Obama, kein Campino, kein Clooney, nicht einmal meinem Schwarm aus längst vergangenen Zeiten sah er ähnlich.

Vor der Tür stand ein Banker. Im Kleinformat. Ihm fehlte nur die Krawatte, mir fehlten die Worte. Der blasse, schmale Junge mit dem braven Seitenscheitel (war das etwa Gel?) reichte uns schlapp die Hand und schlurfte in den Flur. Sein erster Satz zu unserer strahlenden, wunderschönen Tochter: "Ist dir das Kleid nicht zu kurz?" Hey, das war doch unser Text! Was bildete der sich ein? Was denkt der denn, wie alt er ist? Und charmant ist das ja wohl auch nicht!

"Das Kleid ist ganz wunderbar", knurrten wir. Unsere Tochter zog sich trotzdem um, der Rock erreichte ungeahnte Längen: beinahe bis zum Knie. Währenddessen betrieb der "Banker" Konversation: Schön hätten wir es hier. (Ah, doch charmant und aufmerksam!) Seine Großeltern hätten genau den gleichen Schrank. (Ignoranter Trottel.)

Als unsere Tochter zurückkehrte, hatte sie leider immer noch einen glänzenden Blick, wenn sie den "Banker" anhimmelte. Ja, sieht sie denn nicht, was das für ein Langweiler ist? Aber ich war schlau, ich hielt mich zurück, mit Worten und Blicken. Und unsere Tochter war schlau, sie fragte nicht weiter nach, als ich am nächsten Tag auf ihre Frage antwortete, wie ich ihn denn fände, ihren "Neuen": Ganz nett. Und so solide.

Zum Glück war der Spuk nach zwei Wochen vorbei, aus dem "Neuen" wurde ein "Ex". Unser Balkon ist wieder von Tochter und Freundin dauerbelegt, der Nächste wird observiert. Ich halte mich fern und drehe die Musik ein bisschen lauter. Bloß nichts hören von Beschreibungen, die zu schön sind, um wahr zu sein.

Wieso sollten Eltern die erste Liebe ihres Kindes akzeptieren, auch wenn sie sich jemand anderes vorgestellt hatten? Und was können sie tun, wenn dieser Partner ihrem Kind schadet? Psychologin Marion Pothmann gibt Tipps für Eltern von verliebten Teenagern.