Kinder - der ganz normale Wahnsinn Schrei nach Schnuller

Nach drei Jahren ist es höchste Zeit, dass ein Kind ohne Schnuller einschläft. Schön, wenn das auch das Kind einsieht. Aber muss die Premiere unbedingt dann sein, wenn am Abend Gäste eingeladen sind?

Eine Kolumne von Katja Schnitzler

Eigentlich war es ja ganz in meinem Sinn, als mir unsere Dreijährige eröffnete, es sei nun soweit. Heute sei die Nacht der Nächte: "Ich schlafe ohne Schnuller!" Diese voller Stolz vorgetragene Botschaft der kleinen Heldin hätte mich freuen sollen. Schließlich hatte ich das Thema Du-bist-doch-schon-groß-und-musst-nachts-nicht-mehr-nuckeln schon ein paar Mal erwähnt. Bislang war das Kind von der Idee wenig begeistert gewesen, und nun das. Warum ich nicht in Jubel und Lobhudelei ausbrach? Ich wusste, wie es kommen würde, schließlich war das meine Tochter: Bei Tageslicht mutig im Kampf gegen Sandschaufeldiebe und beim Erklimmen von Klettergerüst-Gipfeln. Doch nachts ... allein im Dunkeln ... das ist doch etwas ganz anderes.

Schnuller oder nicht Schnuller? Eine Entscheidung, die die Nerven von Eltern und Kindern strapaziert.

(Foto: Julian Hosse)

Tagsüber war das Schnuller-Entwöhnen bislang kein Problem gewesen, wir hatten klare Regeln vereinbart: nur beim Autofahren (schont die Nerven des Fahrers) und in der Nacht (schont die Nerven aller müden Eltern). Jetzt also ganz ohne. Dass das nur mit Anreiz geht, war klar. Dafür investierte ich zu viel Geld in ein zu hässliches 20-teiliges Puppengeschirr aus knallbuntem Plastik, das das Kind unbedingt haben wollte. Der Plan war: Für jede nuckelfreie Nacht gibt es ein Stück aus dem Service, frei wählbar von der Puppenmutter. Danach sollte das Thema Schnuller erledigt sein.

Leider war meine Tochter eine leidenschaftliche Nucklerin. Das hatte ich schon in der ersten Nacht daheim gemerkt, als Schnuller noch nicht in unser pädagogisches Konzept gepasst hatten und ein Ratgeber empfahl: "Bieten Sie dem Säugling Ihren kleinen Finger als Ersatz an. (Vorsicht, Fingernagel zur Zunge hindrehen, nicht zum Gaumen!)" Eine Woche lang hatten Schwestern im Krankenhaus dem Baby große Schnuller in den kleinen Mund gestopft, daheim sollte es nun ohne schlafen, wollte aber nicht. Also reichte ich den kleinen Finger, was sich leichter anhört, als es war: Hand durch das Gitterbett zwängen, nach hinten biegen, eine leichte Drehung, Finger in den Babymund. Der Kleinen gefiel es, sie saugte sich fest, sehr fest.

Nach fünf Minuten kribbelte mein Arm, nach zehn Minuten war er blutleer. Das Baby schlief, ich war wach und verfluchte den Ratgeber. Nach zwölf Minuten hatte das Baby wieder einen Schnuller im Mund. Und schrie, wenn er herauspurzelte. Später rief sie, wenn der Schnuller weg war. Das war er oft, auch wenn wir fünf um das Kopfkissen herum drapierten. Nun sollte es also ohne funktionieren.

Beim Aufwachen in der Nacht, im Halbschlaf.

Bei schlechten Träumen.

Und vor allem: beim Einschlafen.

Ich war verzagt, mir schwante Übles für den Verlauf unseres ruhigen Abends. Was erschwerend hinzukam: Wir hatten Gäste eingeladen, Nachbarn. Sie waren das erste Mal bei uns und kinderlieb, aber selbst kinderlos und damit ohne jegliche Erfahrung in der Ohne-Schnuller-Dramatik. Das sollte sich ändern.

Meine Tochter, stolz auf sich und ihre Entscheidung, stand noch immer erwartungsvoll vor mir und erwartete ein Lob. Ich muss gestehen, ich war versucht ihr einen anderen Anfangstermin für das schnullerfreie Leben vorzuschlagen. Nicht ausgerechnet heute!