Kinder - der ganz normale Wahnsinn Ich weiß, was du im vergangenen Jahr getan hast

"Zuerst will ich in meinem goldenen Buch lesen, ob ihr denn brav gewesen seid in diesem Jahr", verkündete der Nikolaus. Das jüngere Kind packte fester zu, so fest, dass die Mutter fast die Hand weggezogen hätte. Das ältere Kind trat unwillkürlich einen Schritt zurück und warf einen besorgten Blick zur Mutter. Die versuchte gerade, die um ihre Hand gekrampften Finger des Jüngeren zu lockern. Sie blickte auf und sah verblüfft die Angst in den Augen ihres älteren Kindes.

Singt er nur ein Lied? Oder liest der Nikolaus, welche Streiche die Kinder in letzter Zeit ausgeheckt haben?

(Foto: dapd)

Der Nikolaus öffnete das goldene Buch, las konzentriert und sah den Jüngeren an. So streng war sein Blick, dass auch die Mutter überlegte, ob sie in letzter Zeit etwas angestellt und zu beichten vergessen hatte. Der Kleine versteckte sich hinter ihrem Bein. "Hier steht, dass du heimlich Süßigkeiten naschst, obwohl die Zähne schon geputzt sind", sagte der Nikolaus und dröhnte mit tiefer Stimme: "Willst du denn nicht glitzerndweiße Zähne haben, weiß wie der Schnee?" Vater, Mutter und Kinder zuckten zusammen. "Willst du das? Antworte mir, mein Kind!" Das jüngere Kind war vor Schreck erstarrt. Das hatte die Mutter nicht gewollt. Sie schob sich schützend vor den Kleinen: "Natürlich will es das", sagte sie.

Erst der Tadel, dann das Vergnügen

Der Nikolaus war etwas aus dem Konzept gebracht. Er senkte den Blick und legte die Hand ins goldene Buch. Er suchte wohl die richtige Stelle im Sündenregister. Nun war das ältere Kind dran. "Und du", knurrte der strenge Besucher, "du isst die Plätzchen auf, ohne den anderen etwas abzugeben?" Das ältere Kind wechselte die Gesichtsfarbe, bekam einen knallroten Kopf und stellte das Atmen ein. "Ich ... ich ...", stammelte es. "Wir backen wieder welche, wir alle zusammen, schon morgen!", rief die Mutter und legte dem älteren Kind die Hand auf die Schulter.

Der Nikolaus blinzelte irritiert, fing sich aber schnell wieder: "Das finde ich gut", schmetterte er. Das jüngere Kind drückte sich noch enger ans Bein der Mutter. Der Nikolaus blickte wieder ins Buch. Jetzt würde es kommen, dachte der Ältere. Ihm stockte der Atem. Der Eis-Schneeball.

"So, lieber Nikolaus", sagte da die Mutter entschlossen, "dann hätten wir das. Jetzt können wir ja zu den Geschenken kommen."

Der Nikolaus räusperte sich und klappte zögernd das goldene Buch zu: "Ja. Natürlich, ähm ... da ihr sonst so brave Kinder wart, habe ich auch Geschenke für euch in meinem Sack." Die Kinder trauten sich erst zu den Gaben, als der Nikolaus samt Sack Richtung Nachbarhaus verschwunden war. Sie wirkten noch immer verstört.

Die Mutter nahm sich vor, ihnen bis zum nächsten Advent zu erklären, dass es kein goldenes Buch gibt. Auch auf die Gefahr hin, dass die ersten Dezembertage wieder so turbulent wurden wie in den vergangenen Jahren. Und den Nikolaus könnten sie genauso gut am Adventsmarkt besuchen. Außer er versprach, beim nächsten Besuch nur über die guten Taten der Kinder zu sprechen.

Sonst würden sie am 5. Dezember einfach die Stiefel vor die Tür stellen.

Du musst uns immer die Wahrheit sagen, lehren Eltern ihren Kindern. Doch vor Weihnachten erzählen sie, die Geschenke bringen Christkind oder Weihnachtsmann. Ein Interview mit Familienberater Jan-Uwe Rogge über absolute Ehrlichkeit und das Recht auf ein wenig Zauber.

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” Tochter (4) und ich fahren an einem Marterl vorbei. Sie will wissen, was das ist, und wer der Mensch ist, der da am Kreuz haengt. Ich erklaere es ihr, dass das Jesus ist, und dass er vor 2000 Jahren gekreuzigt wurde. "Wie geht kreuzigen?" will sie wissen. "Man haengt jemanden an das… mehr