Von Martin Zips

Sprechende Lerntöpfchen, batteriebetriebene Tätowierstifte, sprechende Grills - laut Statistk bekommt jedes Kind für 357 Euro Weihnachtsgeschenke. Ein Spaziergang durch ein monströses Spielzeug-Kaufhaus.

Frau Huber tobt. Gestern noch hätte sie beim Kauf dieses Spielcomputers irgendeine Software gratis hinzubekommen. Für ihren Enkel. Zu Weihnachten. Heute ist das nicht mehr möglich. "Sie müssen eine Ausnahme machen", sagt Frau Huber und wedelt mit Ausgedrucktem. Die Verkäuferin winkt ab. "Dieses Angebot ist gestern abgelaufen", sagt sie. "Das gibt es doch nicht", schimpft Frau Huber. "Ich arbeite auch im Vertrieb. Ich sagen Ihnen: Das geht!"

Nase am Schaufenstern platt drücken ist gratis. Der Rest leider nicht. (© Foto: dpa)

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Das Spielzeugparadies befindet sich in einem Industriepark im Norden der Stadt. Wer hierher nicht mit dem Auto reist, der hat gleich verloren. Die Wege von der U-Bahn sind weit und öde. Hässliche Flachbauten mit marterpfahlähnlichen Betonschildern stehen an den Straßen. Hinter McDonald's und dem Tip-Top-Autoservice führt der Weg an Tausenden geparkten Autos und riesigen Müllcontainern vorbei - hinein ins mit Plastiktannen und Lichterketten verzierte Einkaufswunderland.

Bösartige Lokomotiven

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Und es ist das Fest der Kinder. Bei derzeit 1,3 Kindern pro Familie beschenken in Deutschland immer mehr Erwachsene immer weniger Kinder. Nach einer vom Handel im Auftrag gegebenen Umfrage der Gesellschaft für Erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung erhält jedes deutsche Kind im Durchschnitt Geschenke im Wert von 357 Euro. 357 Euro! Das muss man erst einmal ausgeben. Da verwundert es kaum, dass sich das Sortiment deutscher Spielwarengeschäfte in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt hat.

"Nein, nur nicht die Diesel-Lok!", rät Herr Rosenzweig seiner Frau Beate. Die hat ihren Ehemann gerade in einer Telefonkonferenz zu sich in das Spielzeugparadies geschaltet. Frau Rosenzweig war sich nicht ganz sicher, welche Thomas-Lok die richtige ist. Thomas, das ist so eine Figur aus dem Kinderfernsehen. Eines dieser Lizenzprodukte, von denen es im Vorweihnachtsgeschäft wimmelt.

Fast drei Stunden schauen deutsche Kinder täglich fern. Da werden Figuren wie Lok Thomas, Piratenkapitän Jack Sparrow oder Bob, der Baumeister, schnell zu guten Freunden. "Warum nicht die Diesel-Lok?", möchte Frau Rosenzweig wissen. "Die ist böse", weiß ihr Mann am Handy. Für bösartige Lokomotiven ist der vierjährige Sohn der Rosenzweigs noch viel zu klein. Sein erstes Notebook hat Gustaf übrigens schon geschenkt bekommen. Vom Nikolaus. Er soll ja den Anschluss nicht verpassen. Nun wünscht er sich alles rund um Thomas. "Den darf Gustaf im Fernsehen schauen, bevor er in den Kindergarten geht", sagt Frau Rosenzweig.

Brutzel, der sprechende Grill

Wie unübersichtlich die Spielzeugwelt doch geworden ist. Das beginnt schon bei den Babys. Ein Beispiel: Früher war eine Rassel einfach eine Rassel. Heute wird "Meine erste Babyrassel" auf dem Karton so beschrieben: "Mehrfarbig mit unterschiedlich strukturierter Oberfläche, transparent mit bunten Kügelchen, Beißring, drehbarem Schnuller". Das war jetzt das Modell ohne Batterien. Wer wiederum einen Beißring kaufen möchte, der kann wählen zwischen Zahnungsringen, Beißrasseln, Beißschlüsseln, Beißketten, Greifketten und Kühlstäben. Alles klar?

Das Tätowierset besitzt einen "batteriebetriebenen Tätowierstift, Schablonen mit trendigen Designs und abwaschbaren Body-Art-Farbstiften". Ist das pädagogisch sinnvoll? Und sollte man das "Musikspaß-Lerntöpfchen" gleich dazukaufen? Es sagt Sätze, wie: "Jetzt kommt das Toilettenpapier dran" oder: "Du hast prima gespült." So klappt "der Übergang vom Töpfchen zur Toilette spielend leicht", verspricht die Verpackung.

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