Katholische Kirche im Wandel Frauen und Homosexuelle zu Priestern geweiht

Der Bischofskonferenz-Experte betont, dass es da auch Gegentendenzen gebe, aber der gleiche Prozess ist auch bei Anglikanern und Lutheranern zu beobachten: Weil im Süden die Auseinandersetzungen zwischen den Religionen und Konfessionen zunehmen, wachsen innerhalb der Gemeinschaften die Spannungen zwischen Nord und Süd, zwischen einem liberalen, etablierten Christentum der reichen Länder und einem in den ärmeren und armen Regionen der Welt, in dem das Christentum in der Abgrenzung zu den konkurrierenden Sinnangeboten konservativ geworden ist. Die Anglikaner weihen im Norden Frauen und Homosexuelle zu Priestern - im Süden sieht man das als Verrat am Glauben. "Die Vorstellung, dass ein Papst aus Afrika die katholische Kirche weiter und weltoffener macht, ist schlicht eine Illusion", sagt Friedrich Wilhelm Graf, "da würde sich mancher deutsche Reformkatholik bald nach Papst Benedikt zurücksehnen."

Allerdings, um die Lage noch übersichtlicher zu machen: Ausgerechnet das Papstamt, das in seiner jetzigen Ausformung vielen liberalen Katholiken solche Bauchschmerzen bereitet, garantiert, dass die katholische Kirche nicht so tief gespalten ist wie die anglikanische, dass die Konflikte nicht so offen ausgetragen werden wie bei den Lutheranern. Der römische Zentralismus frustriert zwar inzwischen Bischöfe aus allen Kontinenten, die sich mehr regionale Eigenständigkeit wünschen, mehr Rücksicht auf die heimischen Kulturen. Doch dieser Zentralismus hält auch die katholische Kirche zusammen, garantiert eine einigermaßen einheitliche Theologie: Der römische Katechismus gilt überall; in Washington, Madrid oder Berlin mag er als einengend und formelhaft empfunden werden, in Ghana oder der philippinischen Provinz verhindert er das Abgleiten des Katholischen ins Abergläubische oder aggressiv Abwertende des Andersgläubigen.

"Modernitätsparadox des Papstamtes"

Und die Weltkirche ermöglicht den gegenseitigen Erfahrungsaustausch: In Rom weiß man spätestens über drei, vier Ecken über beinahe jeden Priester in der Welt Bescheid - nicht immer eine angenehme Vorstellung. Aber andersherum kommen auch viele Priester und Ordensangehörige aus Afrika, Lateinamerika und Asien zum Studieren nach Rom, Los Angeles, München, gibt es den Austausch über die Hilfswerke Missio (Afrika, Asien), Misereor (Lateinamerika), Renovabis (Osteuropa). "Da kehrt niemand unverändert in sein Heimatland zurück", hat der Bischofskonferenz-Experte Pöner erfahren.

Friedrich Wilhelm Graf nennt dies das "Modernitätsparadox des Papstamtes": "Ausgerechnet das, was wir in Europa als aus der Zeit gefallen oder gar überholt empfinden, garantiert in weiten Teilen den Zusammenhalt und die relative Modernität der katholischen Kirche", sagt er. Die Probleme der Konzentration auf ein Amt, gar eine Person seien aber auch unübersehbar: "Die Überhöhung des Amts führt irgendwann zur Selbstüberforderung, wenn einer alles klären muss."

Denn es ist ja nicht so, dass die Probleme der Europäer mit der Kirchenlehre weltweit einzig und damit ein Minderheitenproblem wären. Zum Beispiel der Zölibat: In ganz Lateinamerika herrscht Priestermangel, reisen Pfarrer manchmal zwei, drei Tage, um ihre Gläubigen zu besuchen; weltweit ist die Zahl der Ordensfrauen drastisch zurückgegangen. Oder das Thema Säkularisierung: Als sich vergangenen Oktober die Bischöfe der Welt zur Synode in Rom trafen, berichteten viele, wie schwer es geworden ist, in einer glaubensskeptischen Welt von Gott, Jesus und der Kirche zu erzählen.

Und selbst bei den Nonnen in China sind die Themen angekommen: Nach dem Gottesdienst, bei chinesischen Maultaschen, warmem Wasser und Tsingtao-Bier für die Besucher, sagen sie, dass sie sich durchaus mehr Anerkennung für Frauen in der Kirche wünschen. Steht bei ihnen nicht jeden Abend eine Frau dem Gottesdienst vor? Und warum sollte die nicht auch irgendwann einmal geweiht sein?