Kate Tempest Gefühlte Wahrheit

Die Dichterin und Rapperin gehört zu den aufregendsten Literaturtalenten. Sie spricht aus, was kaum einer sagen mag. Nun erscheint ihr Debütroman auf Deutsch.

Von Anne Backhaus

Plötzlich hält sie an. Bleibt einfach stehen, wird im Gedränge der High Street sofort angerempelt. Hier, im südlichen Zipfel von London, mitten auf dem Wochenmarkt. Ein Fischverkäufer schreit eine alte Frau an, die Blumen aus einem Wägelchen anbietet. Daneben lässt sich ein Mädchen auf einem Plastik-Klappstuhl Rastazöpfe flechten und lacht den Händler aus. Und Kate Tempest steht da, in ihrer alten Wildlederjacke, verwurzelt in dem dreckigen Kantstein.

"Wir biegen gleich ab, aber nur, wenn Sie nicht verraten, wohin genau," sagt sie. Das Nicken der Reporterin reicht nicht aus, sie muss mehrmals versichern, dass der Ort ein Geheimnis bleibt. Dieser Ort, das ist eine Bar, die Tempest für sich behalten will.

Die 30-jährige Londonerin braucht die Garantie auf Ungestörtheit, zumindest in ihrer Stammkneipe. Einem der letzten Plätze, wo sie so sein kann, wie sie ist. Einfach Kate. Denn Tempest, die eigentlich Kate Esther Calvert heißt, wird nicht nur in Großbritannien als hochbegabte Pop-Poetin verehrt. Sie räumt mit ihren Gedichten und Theaterstücken die wichtigsten Literaturpreise ab. 2013 erhielt sie den Ted Hughes Lyrikpreis der britischen Poetry Society für ihr Werk "Brand New Ancients" - noch nie zuvor ging diese Auszeichnung an eine Künstlerin unter 40. Ihr erster Roman "The Bricks that Built the Houses", der nun als erstes ihrer Werke auch auf Deutsch mit dem Titel "Worauf du dich verlassen kannst" erscheint, verzückt selbst die härtesten Kritiker.

Kate Tempest gilt als Ausnahmetalent, und ohne Zweifel findet sie Worte, wie andere ihrer Generation sie nicht finden. Außerdem ist sie eine Spoken-Word-Künstlerin, die das, was sie schreibt, als Rap zu elektronischer Musik auf die Bühne und so auch einem jungen Publikum nahebringt. Ihr Album "Everybody Down" ist eines der wichtigsten politischen HipHop-Werke der vergangenen Jahre. Ein wahres Epos. Die Sozialstudie in zwölf Songs handelt von einer Großstadt-Clique junger Menschen, die sich mit Drogen und Sex von ihren unaushaltbaren und zugleich ganz normalen Lebens- und Arbeitsverhältnissen abkapseln - vor allem aber nach Zugehörigkeit sehnen.

Dieses große Thema zieht sich genreübergreifend durch all ihre Werke. Tempests Beobachtungen sind scharf und rührend zugleich. Auf der Bühne schießt sie ihre Sätze mit solch einer Dringlichkeit heraus, als könnte sie all den Irrsinn der Welt damit stoppen. Nicht ohne Grund hat sie sich den Künstlernamen "Tempest" ausgesucht, zu Deutsch "Sturm". Sie will, dass ihre Worte mitreißen.

Am Londoner Himmel drängen sich Gewitterwolken und der Wind frischt auf, als Tempest mit schnellem Schritt auf ihre geliebte Kneipe zusteuert. "Das hat jetzt aber nichts mit mir zu tun", sagt sie scherzhaft. Dann erzählt sie von ihrem Hund Murphy und wie gut es ihr tut, dass sie seinetwegen immer vor die Tür muss. Weiter die Straße runter. Hände in den Taschen. Der Wind wirbelt ihr die blonden Haare ins Gesicht. Kurz bevor der Regen fällt, bleibt sie wieder stehen, vor sich ihr Pub. Die "geheime" Kneipe - deren Namen sie selbst schon öffentlich gemacht hat. Deren Namen man aber gar nicht kennen muss. Denn das Besondere daran ist, dass es nichts Besonderes darin gibt. Tempests Geschichten könnten an jedem Tresen spielen. "Wenn ich über eine Kneipe schreibe, sehe ich nur immer diese vor mir."

Sie predigt nicht den wundervollen Moment, den wir jetzt alle bitte fühlen sollen. Sie lenkt ihre Worte darauf, wie schwer es ist, überhaupt etwas zu fühlen. Kate Tempest beim Festival-Auftritt.

(Foto: Ben Birchall/dpa)

Drinnen altes Holz, klebrig von Bier und Händen. Tausende Sticker, kaum ein freier Fetzen Wand. In der Ecke anderthalb Quadratmeter Bühne. "Da bin ich ganz am Anfang aufgetreten." Tempest lächelt zum ersten Mal. "Kate!" ruft die Bardame. "Alles okay bei dir, Liebes?" Sie lächelt zum zweiten Mal.

Ganz am Anfang, da war sie 16 Jahre alt und hat die Schule geschmissen. Sie ist hier in Brockley aufgewachsen, einem Arbeiter-Stadtteil im Südosten Londons. Kate ist das jüngste von fünf Kindern, Mittelschichtfamilie, ihre ersten Bücher bekommt sie von ihrem Vater. Sie jobbt im Plattenladen, lebt bald in besetzten Häusern, entdeckt Poetry Slams und tritt gegen die älteren Jungs der Szene an. Erfolgreich. Es ist das, was sie will.

"Sehe ich heute auf diese Kate, versuche ich, sie lieb zu haben", sagt Tempest. "Ohne sie wäre ich jetzt eine andere." Im persönlichen Gespräch ist sie ruhig, überlegt oft lang, bevor sie überhaupt etwas sagt. Plötzlich kommen dann solche Sätze.

Pause. Schließlich: "Am liebsten würde ich nie über mich reden, es fühlt sich ungesund an." Kate Tempest, deren Worte meist als Waffe beschrieben werden, die für ihre Sprachgewalt gefeiert wird, ist ein sehr empfindsamer Mensch. Es ist, als würde sie alles direkt erreichen, mitten ins Herz. Die Teenager, die auf einer Parkbank abhängen und sich übereinander lustig machen, die Suchnotiz "Hund entlaufen" an der nächsten Kreuzung, die arbeitslosen Nachmittagstrinker. Tempest fühlt die Alltagsmelancholie, verwandelt sie in Wortsalven. Vor allem über die junge Großstadt-Generation, die sich mit Drogen betäubt und mit ihren Facebook-Freunden ablenkt.

"Sie leben in so vollkommener Einsamkeit, dass Freundschaften daraus gestrickt sind. Ihre Tage vergehen damit, Dinge anzustarren," heißt es in ihrem Roman. Deren Protagonisten kommen schon in ihren Albumtexten vor. Tempest hat auf ihrer Tour vor den Londonern gerappt und nachts im Tourbus das Buch geschrieben, das ihre Geschichten weiterführt. Sie hat sie in ein virtuoses Sprachkunstwerk verpackt, immer sehr nah an der Gefühlswelt der Charaktere.

Was alle eint ist der Wunsch, sich mitzuteilen, aufgehoben zu sein. Sie alle scheitern an ihrem Schweigen. Daran, nicht zu sagen, wie sie fühlen oder womit sie ihr Geld verdienen. Becky zum Beispiel träumt von einer Bühnenkarriere als Tänzerin und finanziert sich ihre Sehnsucht mit Auftritten in Musikvideos, die sie verabscheut, und erotischen Massagen für Männer, die sie sofort wieder vergisst. Manchmal tut sich ein Abgrund in ihr auf und ihr "Herz boxt sich aus ihrer Brust frei, rennt schreiend durch den Raum und beschmiert alle Wände mit Blut". Ihre Freundin Harry dealt mit Drogen und hütet das Geheimnis ihrer Homosexualität, ihren Wunsch nicht weiblich zu sein. "Sie ist durchsetzt vom scheuen Trotz einer Frau, bei der sich von Geburt an die Einzelheiten nicht recht zum Ganzen fügen wollen."

Das Leben, sagt Kate Tempest, fühle sich für sie immer so an. Ihr erstes Theaterstück "Wasted", ihre Gedichte, ihr Album und jetzt ihr Buch, das waren alles Versuche auszudrücken, was sie jeden Tag erlebt. Und was sie sich erhofft. "Man kann den Menschen um sich herum wirklich nah sein, wenn man sich traut", sagt Tempest. Von vielen wird sie als die Stimme ihrer Generation gefeiert, im Grunde zu Unrecht. Denn Kate Tempest verkörpert genau das, woran es ihrer Generation mangelt. In Deutschland vergleicht man sie paradoxerweise mit Julia Engelmann, der Poetry-Slammerin, welche die Nation mit ihrem lebe-das-Leben-Gedichtchen verzückte. Aber Tempest lässt sich nicht auf Facebook als Wohlfühl-Häppchen teilen. Sie predigt nicht den wundervollen Moment, den wir jetzt alle bitte endlich fühlen sollen. Sie lenkt ihre Worte darauf, wie schwer es ist, überhaupt etwas zu fühlen. Und wie wir uns Gefühle selber wegnehmen. Mit Koks. Mit dem Handy. Aus Angst.

"Er streckt seine Beine unter dem Tisch aus und checkt Facebook auf seinem Handy. Es verrät ihm Dinge, die er nicht wissen will, über Leute, die er seit Jahren nicht gesehen hat", schreibt sie im Roman. "Einsamkeit senkt sich über ihn. Er fühlt, wie ihre vertrauten Klauen ihn vom Stuhl hochreißen und von der Decke baumeln lassen." Tempest geht es nicht um sich selbst, sondern um Beziehungen zu anderen. "Ich liebe Menschen", sagt sie schlicht. Bei vielen würde das nach billiger PR klingen. Ihr blickt man ins Gesicht und sieht, dass es sie eher schmerzt. "Menschen sind so anmutig, selbst in ihren einsamsten und verhängnisvollsten Momenten." Mit etwas Glück, wird Tempest vielleicht zur Prophetin dieser Generation um die dreißig, die keine eigene Stimme entwickelt hat und hauptsächlich damit beschäftigt ist, irgendwo im Internet oder in einer Bar cool rüberzukommen.

Zeigt man jemandem, der Tempest noch nicht kennt, ein Video einer ihrer Auftritte, ist die erste Reaktion meist ein Kommentar zu ihrem Aussehen. Klein und breitschultrig, ungeschminkt, in Jeans und T-Shirt. Kurz: Nicht schön. Zumindest nicht im allgegenwärtigen Sinn, wo es noch immer irritiert, wenn Frauen nicht ihr sexuelles Kapital einsetzen. "Make-up gibt mir das Gefühl, verletzlich zu sein", sagt Tempest. "Ich habe immer nur auf mein Gehirn gesetzt." Mit ihrem Körper habe sie sich nur schwer anfreunden können. Dafür hat sie sich Welten ausgedacht, in denen es auf den Körper nie ankommt.

Sie verlässt das Pub, drückt die speckige Holztür auf. "Kate, du bist hier?" Vier Gestalten lümmeln im Raucherbereich, die schwarzen Kapuzen ins Gesicht gezogen. Tempest begrüßt sie mit Handschlag. Sie sei viel unterwegs, ja. "Du hast im Radio von einem Buch erzählt", sagt einer. "Das will ich lesen." Tempest haut ihm an die Schulter: "Cool, danke." Für ein Bier habe sie leider keine Zeit. Sie muss schreiben, wie jeden Tag.

Auch jetzt, da der Roman fertig ist und ihr neues Album im Herbst erscheint, wo sie durch die USA, Australien und Deutschland tourt. Seit zehn Jahren nimmt sie sich nicht frei. "Da war immer der Druck: Ich muss das alles fertig machen", sagt Tempest. "Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich noch habe, aber ich habe das Gefühl, ich sollte keine einzige Minute verschwenden."

Dieses eine Mal hofft man, dass ihr Gefühl nicht stimmt.