Kabarettist Schwarzer Humor

Ludger Kusenberg findet Conchita Wurst nicht toll und macht auch mal Islam-Witze. Geht das in diesem Land?

Von roman deininger

Ludger Kusenberg erzählt seinem Publikum, was ihn so aufregt zurzeit, und ihn regt wirklich eine ganze Menge auf. Zum Beispiel dieser Artikel in der Lokalzeitung: In einer deutschen Kleinstadt ersticht ein Vater seine 16-jährige Tochter, weil er mit ihrem Lebenswandel nicht einverstanden ist. Das Mädchen habe Popmusik gehört, heißt es da, sich geschminkt und Alkohol getrunken, also habe der Vater zum Messer gegriffen. Kusenberg fehlt ein wichtiges Detail in dem Artikel: Über die Herkunft des Mörders erfährt er nichts. Sein Blick wandert fragend durch die Zuschauerreihen, er zelebriert das jetzt richtig. Die Antwort hat er natürlich längst parat. Kusenberg sagt: "Na ja, ein Schwede wird das nicht gewesen sein."

Im Fernsehen gilt es als Pointe, wenn man "Merkel" sagt und schrecklich geschmerzt guckt

Ludger Kusenberg, wohnhaft in Essen, Künstlername Ludger K., ist 42 Jahre alt, ein Kabarettist aus dem "Mittelfeld der zweiten Liga", so sieht er das selbst. Er spielt auf Kleinkunstbühnen, die den Namen verdienen, so wie an diesem verregneten Sommerabend in der "Säule" in Duisburg, 100 Plätze, Stuhl an Stuhl, behagliche Wärme, rötliches Schummerlicht. Er hat ein paar Preise gewonnen, die einen Komiker ehren, aber auch nicht wirklich weiterbringen, die "Heilighafener Lachmöwe" zuletzt. Er moderiert auch mal eine Firmenfeier oder heuert als Bordentertainer auf einem Kreuzfahrtschiff an, "einer muss ja", sagt Kusenberg. Anfang Juli schifft er sich wieder ein auf der MS Europa.

Und dennoch: Genau hier bei Ludger K. in Duisburg, im Mittelfeld der zweiten Liga, kann man ziemlich viel lernen über das Kabarett in Deutschland.

"Was darf die Satire?", hat Kurt Tucholsky 1919 gefragt, und bis heute kommt niemand, der über deutschen Humor nachdenkt, ohne den guten, alten Glaubenssatz Tucholskys aus: "Die Satire darf alles." Im Jahr 2015 könnte man vielleicht ergänzen: Die Satire darf alles. Sie will bloß nicht.

In der Künstlergarderobe der "Säule" hat Kusenberg auf einem Loriot-Sofa stilgerecht die Beine überschlagen, an der Wand hinter ihm hängen Schwarz-Weiß-Fotos der Komödianten, die hier vor ihm auftraten, Dieter Hildebrandt, Richard Rogler, eine verblassende Ehrengalerie deutscher Spaßkultur. Man könnte sich keinen besseren Ort vorstellen für eine kleine Rede zur Lage des Witzes in diesem Land. Er wolle jetzt keine pauschale Kollegenschelte betreiben, sagt Kusenberg, Hemd aus der Hose, mutmaßlich ironische Krawatte. "Aber über diese alten linken Kabarettisten kann ich kaum mehr lachen."

Die politische Satire in Deutschland, findet Kusenberg, habe heftige Schlagseite, sie kippe nach links. Die üblichen Verdächtigen spulten routiniert ihre "Bestätigungsfloskeln" ab, und dafür gebe es dann "Gesinnungsapplaus" von der ebenso festgelegten Kundschaft. "Das ist mir zu absehbar und zu belehrend, da vermisse ich die Selbstironie." Man muss Kusenbergs These nicht in Gänze teilen, um nachvollziehen zu können, was er meint: Im Fernsehen gilt es ja inzwischen als Pointe, wenn Urban Priol "Merkel" sagt und dabei geschmerzt guckt. Und dann hält sich das deutsche Kabarett ja wirklich sehr offensiv für eine moralische Instanz, für eine öffentliche Anstalt mit pädagogischem Auftrag und klarem Unterrichtsplan.

Dass das Herz des Kabaretts links schlägt, ist nun aber kein neues oder erstaunliches Phänomen - zu den edelsten Aufgaben des Berufsstands gehört naturgemäß die Interessensvertretung der Machtlosen, oder zumindest die Verspottung der Mächtigen. In der Bundesrepublik hat sich so ein Kabarett-Establishment herausgebildet, das vom Misstrauen ins Gesellschafts-Establishment geeint wird. Das hat schon zu nationalen Humorkrisen geführt: Als etwa Gerhard Schröder Kanzler wurde und die Grundlage für Birne-Kohl-Gags entfiel, brach unter rot-grün sozialisierten Spaßarbeitern von Hildebrandt bis Bruno Jonas erst mal Ratlosigkeit aus. Jedenfalls bis Schröder großzügig neue Grundlagen schuf.

Aufgepasst! Ludger Kusenberg hat eine Botschaft: "Das Land der Dichter ist zum Land der Undichten geworden."

(Foto: Dominik Asbach)

Kabarettisten können Rebellen sein oder Hofnarren; in beiden Funktionen können sie es sich leicht machen. Kusenberg hat da schon einen Punkt, abseits von parteipolitischen Vorlieben: Der Polit-Clown von heute bedient Klischees, statt sie zu erschüttern, er schimpft mehr, als dass er scherzt, er sucht sich lieber Opfer als Gegner. Die Tölpel in Brüssel! Die Stümper in Berlin! Die Merkel! Und das Publikum brüllt: Endlich spricht's mal einer aus!

Kusenberg schimpft schon auch auf der Bühne, er schimpft halt nur gegen den Strom. Conchita Wurst, die bärtige Sängerin, zur Toleranzikone erkoren, überall gefeiert? "Das ist kein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft tolerant ist. Das ist ein Zeichen, dass die Gesellschaft bekloppt ist. Manchmal ist ein Mann in Frauenkleidern einfach nur ein Mann in Frauenkleidern."

In der "Säule" in Duisburg kann man einem kleinen Experiment beiwohnen. Ludger Kusenberg macht konservatives Kabarett. Er macht etwas, von dem man nicht mal mit Sicherheit sagen kann, dass es existiert.

"Die politische Korrektheit frisst sich wie ein Wurm in alle Lebensbereiche", sagt er

Oder sagen wir: Es existiert nur in feiner Dosierung. Dieter Nuhr zum Beispiel, fest etabliert im Establishment, arbeitet sich seit einiger Zeit am radikalen Islam ab. Wenn Nuhr anmerkt, dass das Scharia-Strafmaß "Hand ab bei Diebstahl" beim dritten Vergehen schwierig werde, rasten manche aus vor Empörung über die Gotteslästerung. Kusenberg dagegen ist da ganz auf Nuhrs Seite: "Jeder hat das Recht, verarscht zu werden", auch Muslime. Er würde sogar noch weitergehen: Ein Kabarettist habe die Pflicht, alle zu verarschen.

Kusenberg hat den Eindruck, dass politische Witze von den Witzemacher-Eliten hierzulande immer penibel darauf geprüft werden, ob sie "kompatibel" sind mit ihrem ziemlich engen Kabarett-Konsens: "Dass jemand auch mal einen Vorschlag der FDP gut findet, das können die nicht verstehen." Wenn jemand von Conchita Wurst nicht hingerissen sei, "dann ist der gleich homophob". Und wenn jemand ausspreche, dass Ehrenmorde eher von Türken begangen werden als von Schweden, dann sei er ausländerfeindlich.

"Die politische Korrektheit frisst sich wie ein Wurm in alle Lebensbereiche", sagt Kusenberg. Das arme "Zigeunerschnitzel" müsse jetzt "Feuerschnitzel" heißen, und der "Negerkönig" bei Pippi Langstrumpf "Südseekönig". Auf Schiffen rufe man statt "Mann über Bord" nun "Person über Bord", damit sich eine Ertrinkende nicht diskriminiert fühlt. Kusenberg kann es nicht fassen: "Das Land der Dichter ist zum Land der Undichten geworden."

Die Zuschauer in der "Säule" spenden Szenenapplaus. Im Grunde brüllen sie auch hier: Endlich spricht's mal einer aus!

Zuschauer im Kleinkunsttheater "Die Säule" in Duisburg.

(Foto: Dominik Asbach)

"Claudia Roth", sagt Kusenberg und schaut geschmerzt, der Effekt ist fast so gut wie bei "Merkel". Wenn Claudia Roth 1683 Stadtkommandantin von Wien gewesen wäre, sagt Kusenberg also, mit 200 000 Türken vor den Toren, hätte sie sicher gerufen: "Alle reinlassen", tolle Menschen, tolle Fachkräfte! Das Publikum johlt; aber gut, Claudia Roth ist eigentlich auch mehr Opfer als Gegner.

Auf das Bühnentischchen hat Kusenberg ein Buch drapiert, Oswald Spenglers "Der Untergang des Abendlandes". Das ist natürlich ein Versprechen. Kusenberg löst es insofern ein, als der Abend eine kleine Welterklärung sein soll, durch Spengler-Zitate quasi amtlich beglaubigt. Da ist Kusenberg auch nicht anders als seine linken Kollegen: bekennend pädagogisch.

Eine Frage kommt natürlich noch auf in der "Säule": Was ist Pose an der späten politischen Selbstentdeckung des Ludger Kusenberg? "Hilfe, ich werde konservativ", heißt sein Programm, als ginge es um eine Krankheit. Kusenberg ist in Moers aufgewachsen, Vater Beamter, Mutter Hausfrau, kleines Eigenheim. Als junger Mann sei er dann aber nicht mehr "sehr bürgerlich unterwegs" gewesen. "Vor fünfzehn Jahren hätte ich dieses Programm noch nicht geschrieben." Jetzt hat er der Zeitung Junge Freiheit, die beim Stramm-Konservativ-Sein nie um Hilfe schreien würde, ein Interview gegeben. Kusenberg richtet sich ein in seiner neuen Nische, und er ist überzeugt, dass die Nische gar nicht so klein ist.

Manchmal, bei seinen kleinen Geschichtsstunden, weiß man nicht, wohin das führen soll

"Sind hier Konservative im Saal?", hat er am Anfang gefragt, und keiner hat die Hand gehoben. "Da hätte ich auch fragen können: Hat hier jemand Syphilis?" Das hält die Leute jedoch nicht davon ab, den Abend in der "Säule" gut zu finden. Klar, sagt Kusenberg, einige gebe es immer, die sich hinterher entrüsten, oft über die Conchita-Wurst-Tirade, pfui, diese schwulenfeindlichen Sprüche. "Das ist immer so der Typ Studienrat, der sich auch im Hotel beschwert, dass es keine laktosefreie Milch gibt." Linke, das ist seine Erfahrung, "sind oft humorlose Menschen".

Wenn Kusenberg in einer Vorstellung merkt, dass er sein Publikum verliert, erzählt er einen sicheren Witz. Wenn er aber spürt, dass das Publikum bei ihm ist, dass es nicht nur verschämt in sich hineinlacht, hohoho, sondern frei heraus, hahaha, dann gibt er noch Schärfe zu. Manchmal, besonders bei seinen kleinen Geschichtsstunden, in denen er einfach mal die Schwächen des Versailler Vertrags erläutert oder die Bevölkerungsstruktur von Danzig in den 1930er-Jahren, weiß man nicht, wohin das alles jetzt führen soll. Am Ende führt es auch zu nicht viel mehr als Irritation.

Ludger Kusenberg findet: Das ist doch auch schon was.