Junge Muslime in Deutschland Sezai Cakan, Student und Prediger

Sezai Cakan hat sich chic gemacht. Er trägt ein gestreiftes Hemd, hellblaue Krawatte, silberne Uhr. Es sind bedeutende Wochen im Leben des Studenten. Semesterferien, natürlich. Aber vor allem Ramadan. Der ist dem 21-Jährigen wichtig, in diesem Jahr ganz besonders. Cakan predigt während des Fastenmonats in einer Moschee als ,,ehrenamtlicher Imam'', wie er sagt. Er ist nicht offiziell dafür ausgebildet. Er studiert Germanistik und Geschichte in Potsdam. Doch seit seinem neunten Lebensjahr besucht er eine Koranschule in Berlin. Er war ein fleißiger Schüler, und als in diesem Sommer eine benachbarte Gemeinde anfragte, ob Cakan aushelfen könne, hat er zugesagt. Jetzt hält er jeden Tag vor 20 bis 30 Muslimen die Predigt und das Teravih, das Gebet für den Ramadan. Kein großes Ding sei das, sagt sein Mund. Seine Augen sagen etwas anderes.

Cakan sitzt in einem kleinen Raum der Mevlana-Moschee in Kreuzberg. Aus dem Zimmer nebenan dringen Fetzen des Mittagsgebets durch die Wand. Vor dem Fenster stehen junge Männer, die auf einen Termin beim Friseur warten. Der gehört zur Moschee, ebenso wie das Reisebüro an der Vorderseite und die Teestube im Keller, wo Datteln, Gemüse und Süßigkeiten lagern für das Fastenbrechen am Abend. Die Küche steht noch leer. Im Innenhof spielen zwei Jungs Fußball. Er ist hier aufgewachsen, hat den Koran gelesen, hat im Innenhof gespielt. ,,In der Türkei ist die Moschee ein rein religiöses Zentrum'', sagt Cakan. ,,Aber hier in Deutschland ist es ein Kulturzentrum für alle Bereiche des Lebens.''

Seit seinem neunten Lebensjahr besucht er mehrmals pro Woche die Moschee, deutlich öfter als seine Eltern, die in den achtziger Jahren aus der Türkei nach Berlin kamen. Ein Widerspruch zum Leben in der deutschen Gesellschaft ist das für ihn nicht. ,,Ich bin hier geboren, ich spreche fließend Deutsch, meine Freunde studieren Jura, Maschinenbau, Medizin. Wenn Herr Sarrazin jetzt meint, ich gehöre nicht zur deutschen Gesellschaft, weil ich Muslim bin, dann frustriert mich das. Dann hält mich das eher davon ab, zu sagen: Hey, wir müssen uns annähern. Dabei wäre genau das nötig.''

In seinen Predigten, die er auf Türkisch hält, versucht Cakan, diese Notwendigkeit anzudeuten. Er bezeichnet sich als Moderaten. Die Themen hat er mit den anderen Imamen der Islamischen Föderation in Berlin abgesprochen, viel Raum für Neues bleibt da nicht. ,,Aber ich gebe mir schon Mühe, meinen Blick auf die Dinge rüberzubringen, und bisher fanden das alle gut.'' Dass Muslime in Deutschland auch Deutsch lernen sollten, zum Beispiel. Oder dass es der Integration nicht gerade förderlich ist, wenn Imame aus der Türkei nur für einige Wochen oder Monate zum Predigen nach Deutschland kommen. Aber auch, dass viele Deutsche noch immer Vorbehalte gegenüber dem Islam haben.Kürzlich hat Cakan das wieder selbst erlebt, als er mit seiner Mutter und seinem kleinen Bruder in Kreuzberg unterwegs war. Da kam ihnen ein älterer Mann entgegen. ,,Und dann'', erzählt Cakan, ,,sagte der Mann verächtlich ein einziges Wort, das uns den ganzen Tag verdorben hat: Kopftuch.'' Fabian Heckenberger