Niemand hat den Glauben so konsequent zum Geschäftsmodell ausgebaut wie der Ex-Fernsehpfarrer Jürgen Fliege.
"Ich bin ein Dorfgeistlicher und ein Fuhrmann", sagt Jürgen Fliege und macht sich auf den Weg. Sein Dorf heißt Tutzing, sein Wagen ist ein Audi Cabrio. Es steht gerade und bläst geduldig Abgas in den kalten Wintertag, denn Flieges Mission, seinen Glauben ins Land und zu den Leuten zu tragen, sie endet heute schon am Gartentor. Das Gatter klemmt.
Wie alles begann. Jürgen Fliege im Jahr 1994 vor dem Logo seiner Talkshow. (© Foto: dpa)
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Fliege drückt auf den Sender, und weil sich nichts tut, drückt er fester und noch fester. Sein Wille geschieht nicht, und so muss Fliege selbst zur Pforte eilen. Drei schnelle Schritte, eine überfrorene Stelle, schwupp!, der Pfarrer landet auf dem Lederhosenboden. Immerhin: Er ist nicht auf den Mund gefallen. Er steht auf und sagt: "Was lehrt mich das? Ich muss heute gut auf mich aufpassen."
So ein Sturz lässt sich ja beliebig interpretieren. Soll Fliege sich nur schutzbefohlen in eigener Sache fühlen? Oder soll er seine Mission ruhen lassen und sich zu den Seinen gesellen, gewissermaßen als Pater inter pares?
Jürgen Fliege, 62, wird Letzteres nicht tun. In den Neunzigern war er der Fernsehpfarrer der Nation, ein Menschenflüsterer, dessen Wort vielen Zuschauern Wahrheit war. Andere, das muss man so sagen, waren furchtbar genervt, wenn sie ihn nur sahen; diesen Scheinwerferheiligen, von dem man glauben musste, er gurgele jeden Morgen mit einer Kappe Kuschelweich. Es muss einen Menschen verändern, wenn er maßlose Verehrung und strikte Ablehnung zugleich erfährt.
Wenn er Dankbarkeit spürt, weil er Bedürfnisse bedient, die sonst unbefriedigt blieben - und sei es auch nur das Gefühl, gehört und verstanden zu werden. Und wenn ihm andererseits jeder Respekt verwehrt wird, weil er verdächtig ist, sich zu bereichern an Kummer und Sorgen.
Einer wie Jürgen Fliege aber erträgt es auch nicht, wenn ihm auf einmal gar nichts mehr widerfährt. Als die ARD vor fünf Jahren seine tägliche Sendung absetzte, suchte sich Fliege schnell eine neue Bühne. Der Geistliche mit Geschäftssinn wurde zum Unternehmer.
Fliege ist heute Herausgeber der nach ihm benannten Zeitschrift und produziert eine nach ihm benannte Talkshow, die in einigen Regionalfenstern zu sehen ist. Er schickt Leute mit Fliege-Reisen in die Türkei und bittet sie um Spenden für die Stiftung Fliege. Er lässt Menschen in seiner Online-Kirche unter fliege.de virtuelle Kerzen anzünden und vermietet sich selbst als Coach, Referent, Seminarleiter. Kurzum: Er bietet Lebenshilfe aus erster und einer Hand an, geleistet von der Über-Ich-AG Jürgen Fliege.
Fliege sagt: "In den USA ist es gang und gäbe, mit Religion Geschäfte zu machen, mit Medizin wird doch auch ein Geschäft gemacht", und bei ihm kommt nun alles zusammen: der Glaube, die Medizin, das Geschäft. Leute kämen im Lokal aus zwei Gründen an seinen Tisch. Wenn sie ein Autogramm haben wollten - oder um ihm ihre Krankengeschichte zu erzählen. Weshalb sich ihm Fragen stellen: Warum kommen sie immer noch, die Menschen, und, vor allem: Was kann er ihnen anbieten?
Das Warum sieht Fliege im Versagen der Kirchen und "wo die Kirchen versagen, da wachsen die Sekten". Ein ICE am Tag verlasse die Kirche, sagt er: "1000 Leute. Daraus rekrutiere ich, ich bediene erlebbare Frömmigkeit, nicht geglaubte." Oder anders: "Esoterik ist eine riesige Macht."
Lesen sie auf der nächsten Seite über Flieges Kraft zu verführen und wie ein Pfarrer die zehn Gebote bricht.
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Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
Partyzone Flußufer
Man kann dem Internet entnehmen, dass Herr Pollmer ein preisgekrönte Nachwuchsjournalist ist und offenbar von der Studienstiftung der SZ finanziert wird.
Also, ich halte derartiges Sponsoring für einen Journalismus, der in der Nachfolge des "Stürmer" steht, nicht für förderungswürdig.
Das Geschäftsmodell Jürgen Fliege ist ein Tante Emma Laden gegen die K.m.V. mbH: Kirche mit Vision Projektgesellschaft mbH (deutsche Niederlassung von Rick Warren).
"Warrens 40-Tage-Programm Kirche mit Vision funktioniert nach dem Franchise-Prinzip [Beim Franchising stellt ein Franchisegeber einem Franchisenehmer die (regionale) Nutzung eines Konzeptes gegen Entgelt zur Verfügung.].
Wäre Saddleback eine Firma, stünde sie in einer Reihe mit Starbucks und Microsoft. Sein spiritueller Weltseller Leben mit Vision machte ihn mit 40 Millionen verkauften Exemplaren zum Multimillionär und einem der weltweit erfolgreichsten Sachbuchautoren." (DIE ZEIT, 23.1.2009, Ein provokanter Prediger für Obama, www.zeit.de)
"Mit der Entrichtung der Anmeldegebühr erhalten Sie eine Lizenz zur Durchführung der Kampagne in Ihrer Gemeinde und eine Lizenz zur Nutzung, Anpassung und Vervielfältigung aller elektronisch für die Kampagne bereitgestellten Materialien innerhalb Ihrer Gemeinde. [...]
Die Anmeldegebühr richtet sich nach der durchschnittlichen Zahl Ihrer Gottesdienstbesucher (inklusive Kinder und Jugendliche):"
- "weniger als 100 Besucher: 345,-- Euro
- 100 bis 250 Besucher: 495,-- Euro
- mehr als 250 Besucher: 645,-- Euro"
(Quelle: K.m.V. Projektgesellschaft mbH, 2008, K.m.V. Kirche mit Vision Projektgesellschaft mbH, Geschäftsführer Kai S. Scheunemann, http://www.kirche-mit-vision.de/index.php?id=145, Stand 2008)
"Saddleback Church [Gemeindeleiter Dr. Rick Warren, Saddleback/Kalifornien], with an annual budget of US$ 30 million"
"Purpose Driven Ministries [Leitung Dr. Rick Warren], with US$ 47 million in gross receipts in 2004"
(Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Rick_Warren, Stand 2007)
"Rick Warren gilt als einer der mächtigsten Theologen der Welt. Sein Buch "Leben mit Vision: Wozu um alles in der Welt lebe ich?", das eine sinnvolle christliche Lebensführung lehrt, ist mit einer Auflage von mehr als dreißig Millionen [Weltauflage 52 Millionen, Stand Januar 2010] eines der weltweit erfolgreichsten Sachbücher. [ ] Mit rund 20 000 Gottesdienstbesuchern an jedem Wochenende ist Saddleback die viertgrößte Kirche in den Vereinigten Staaten. Und damit eines der mächtigsten evangelikalen Zentren des Landes." (Berliner Zeitung, 17. Januar 2009, Ein Segen für Obama, www.berlinonline.de)
Wie groß ist Jürgen Fliege, neben Rick Warren?
es ist ein böser Artikel, den Cornelius Pollmer da geschrieben hat. Ich bin selbst Journalist und kann nur sagen: In Zeitschriften, die ich verantwortet habe, wäre so ein Artikel nicht erschienen, denn man merkt ihm an, dass er mit dem Vorsatz geschrieben - und recherchiert! - wurde, jemanden in die Pfanne zu hauen. Das hat journalistisch keinen Stil und ist schlicht unfair. Ich kenne Jürgen Fliege recht gut, und ich weiß, dass er sich gern um Kopf und Kragen redet. Und so bietet er eine große Angriffsfläche für solche Attacken. Aber es liegt auch in der Verantwortung des Journalisten, sich nicht nur die anstößigen Rosinen herauszupicken, sondern auch hinzuhören, was jemand sagen will - hineinzuspüren, was jemanden wirklich treibt. Und das ist Herr Pollmer in keinster Weise gelungen. Schlimmer noch: Er hat sich nichtmals die Mühe gemacht und berauscht sich stattdessen an seiner spitzen Feder. Ergo: Ein völlig überflüssiger Artikel. Schade, dass die SZ für so etwas
Raum gibt.
Der Tod der Mutter, des Menschen, der uns zur Welt gebracht hat, ist eine schwere, tiefgreifende, manchmal ambivalente existenzielle (Verlust-)Erfahrung. Gut, wenn uns dann jemand zur Seite steht.
In den (Münchner) Kliniken sterben täglich Menschen mit einer Seelsorgerin, einem Seelsorger an der Seite. Egal, ob Sterbende Mitglieder einer Kirche sind oder nicht. Stündlich, täglich sind Frauen und Männer bereit, sich mit den Ärztinnen und Pflegenden den Tragödien und Dramen des Lebens in den Kliniken zu stellen. Es ist ihre Pflicht. Und sie tun es bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Sie haben keine Fernsehsendung oder Homepage, keine Fans, nur die unvergessliche Erfahrung, mit zum Teil fremden Menschen zusammen die Grenzen des Seins und des Glaubens und der Liebe erfahren zu haben. Sie wollen und brauchen keine Talkshow, sie sind und werden nicht berühmt, aber sie widmen dem einen Großteil ihres Lebens. Sollte einfach mal erinnert werden. Fliege ist nicht der einzige Seelsorger,- weiß Gott!
Der heilige Ort in den eigenen vier Wänden ist Heute der Bildschirm. Dessen Ausstrahlung gibt Heute die Erklärungen und Glaubenssätze, die einst die Religionen ausfüllten. Wenn sich dann Pfarrer an diesen Orte austoben, ist das nur konsequent und passend.
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