Johannes Heesters Der Sänger will nur geredet haben

Ein Gericht prüft, ob Johannes Heesters bei einem Besuch im Konzentrationslager Dachau vor SS-Leuten gesungen haben könnte.

Johannes Heesters war nicht persönlich ins Berliner Landgericht gekommen, derzeit steht der 104-Jährige ja in Hamburg auf der Bühne. In der Anhörung über die Frage, ob er 1941 im KZ Dachau vor SS-Kommandanten gesungen habe oder nicht, schlugen die Wogen derweil hoch. Heesters, einer der meistbeschäftigten Filmstars der Nazizeit, hatte den Berliner Autor Volker Kühn auf Unterlassung und Widerruf verklagt. Kühn behauptet in seinem Hörbuch "Hitler und die Künstler - Mit den Wölfen geheult", dass Heesters 1941 "Zur Ertüchtigung und zum Vergnügen" in Dachau gesungen habe. Das soll er lassen, findet Heesters, der sich nur daran erinnern will, an besagtem Tag das KZ Dachau besucht zu haben.

Johannes Heesters

Johannes Heesters (links) besuchte im Jahr 1941 das Konzentrationslager in Dachau.

(Foto: Foto: dpa)

"Man muss sich das wie eine Art 'Tag der offenen Tür' vorstellen", erklärte Heesters Anwalt Gunter Fette vor Gericht mit Verve und Ernst. Als das Publikum dennoch lachte, schickte er an die Adresse der Zuhörer hinterher: "Ihr Amüsement zeugt von einem mangelnden historischen Verständnis, meine Damen und Herren". Dem Anwalt der Gegenseite, Peter Raue, erklärte Heesters Anwalt sodann: "Sie bezichtigen Herrn Heesters hier der Holocaust-Lüge!" Raue wiederum war sich nicht zu schade, seinen Kollegen mit aufgebrachten Grunzlauten nachzuäffen und zu beeindruckenden Vergleichen zu greifen: "Der Papst hat Galileo nicht vom Gegenteil seiner Meinung überzeugen können, und Herr Heesters kann uns nicht überzeugen", rief er in den Saal.

Ein Widerruf muss her

Dabei hatte Historiker Kühn doch bereits im Februar Heesters das Angebot gemacht, seine strittige Aussage nicht mehr öffentlich zu äußern - "nicht, weil sie nicht stimmt, sondern allein aus Re-spekt vor einem fast 105-jährigen Mann", erklärte sein Verteidiger. Das aber hielt die Gegenseite für "weniger als nichts", erklärte Gunter Fette. Ein Widerruf müsse her, fordert er - schließlich würde Kühn "die Wahrheit permanent mit Füßen treten". Und so verirrten sich die Juristen spätestens bei der Diskussion über den ehemaligen Dachau-Häftling Viktor Matejka, der für Heesters damals den Vorhang gezogen haben will, in munteres Wortgefecht über so elementare Fragen wie: Wird ein Auftritt wohl nachts stattgefunden haben, wenn es dunkel war? Darf ein 89-jähriger Zeuge als "fast 90" bezeichnet werden? Und das Ensemble des Münchner Gärtnerplatztheaters, mit dem Heesters damals in Dachau war, als "Wandertruppe"?

Das Wiener Nachrichtenmagazin profil hatte bereits in den siebziger Jahren ein Bild abgedruckt, auf dem Heesters mit der "Lagerkapelle" des Konzentrationslagers, bestehend aus Männern mit gestreiften Häftlingskleidern, zu sehen ist. Mehrere Fotos zeigen Heesters auch mit dem KZ-Kommandanten Alexander Piorkowski - mal im Gespräch, mal bei der Besichtigung verschiedener Einrichtungen.

"Das war durchaus üblich"

Für die österreichischen Medien waren diese Fotos seinerzeit Beweis genug: "Danilo war in Dachau und sang für die SS", titelte die Tageszeitung Kurier 1978 - unter Anspielung des von Heesters oft verkörperten Grafen Danilo in Lehárs Operette "Die lustige Witwe". Die Bilder entstammen einem Erinnerungsalbum, das der KZ-Kommandant Piorkowski Heesters nach dessen Besuch geschenkt hat.

"Das war durchaus üblich", erklärt Albert Knoll, Archivar der Dachauer KZ-Gedenkstätte. Ähnliche Alben seien nach Besuchen anderer "Ehrengäste" wie etwa Heinrich Himmler angefertigt worden. In Heesters Erinnerungsalbum schrieb Lagerkommandant Piorkowski eine Widmung: "Den lieben Künstlern, die uns am 21.5 1941 durch einen frohen und heiteren Nachmittag im K.L. Dachau erfreuten".

Lange galt das Album als verschollen, bis Heesters selbst im Jahr 2006 die Fotos veröffentlichte. Gemeinsam mit seiner Frau Simone stellte er im Berliner Admiralspalast den 300-seitigen Bildband "Johannes Heesters, ein Mensch und ein Jahrhundert" vor. Für Heesters sind diese Bilder kein Beweis dafür, dass er im KZ gesungen hat. Unter dem Foto, das ihn mit der Lagerkapelle zeigt, steht im Bildband der Text: "Auf dem Appellplatz spielt die Häftlingskapelle für die Besucher. Alle Häftlinge hatten kahl geschorene Köpfe und trugen Sträflingskleidung."

Das Gericht vertagte die Entscheidung auf den 16. Dezember.