Von Bernd Graff

Wer läuft, der lebt. Das Joggen ist aber auch eine schlimme Pein, eine arge Pflicht. Man ringt mit sich selber - und meistens verliert man.

Das Tier will wieder raus. Das Tier muss wieder raus. Es ist zum Heulen, zum Fürchten, zum Schlottern. Denn das Tier ist in mir. Und es will laufen. Davon wissen die Gelegenheits- und Schönwetterjogger wenig bis gar nichts. Denn dieses Lauftier-Wollen meint es ernst und versteht keinen Spaß. Laufen nach Lauftiergebot, das macht man nicht, um ein paar Pfunde loszuwerden oder in frühlingshafter Natur den iPod zu lüften.

Laufen; AP

Nichts, absolut nichts gegen die Gelegenheits- und Schönwetterjogger, die Musik hören und entspannen können bei ihrem Lauf! Diese Glücklichen! Die anderen aber, die in einer Art Lebenstraining sind, laufen immer gegen ihre eigene Herausforderung an. (© Foto: AP)

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Laufen ist eine schlimme Pein, eine arge Pflicht, ein Exerzitium in Selbstgenügsamkeit. Doch man ist sich eben nie genug. Wer läuft, ringt mit sich selber. Und oft, eigentlich meistens verliert man.

Nichts, absolut nichts gegen die Gelegenheits- und Schönwetterjogger, die Musik hören und entspannen können bei ihrem Lauf! Diese Glücklichen! Diese Entspannten, die beim Laufen an die Anschaffung neuer Wohntextilien oder einen Witz des Kollegen denken können!

Die anderen aber, die in einer Art Lebenstraining sind, laufen immer gegen ihre eigene Herausforderung an. Sie müssen immer am Ende ihres Laufs wissen, spüren, dass sie gelaufen sind, dass es gut war - oder jedenfalls vertretbar. Um dann auch, allerdings selten, schwer atmend Erleichterung zu fühlen. Erleichterung darüber, dass es Gott sei Dank auch einmal gereicht hat, dass es diesmal gut war. Das Tier jedenfalls war draußen und jetzt darf es wieder hinein. Wie schön! Bis zum nächsten Mal.

Es ist ja keineswegs sicher, nie weiß ein Läufer vor seinem Lauf wirklich, wie er so drauf ist. Klar, ein paar verlässliche Eckdaten gibt es immer. Ausgeruht und ausgeschlafen muss er sein, nicht verkatert oder belastet von falschem Essen. Das sind Checkpoints, die kann man kontrollieren, um sich dann mit relativer Gewissheit ans Schnüren der Schuhe machen zu können.

Doch was ist mit diesem ganzen Psychoballast, diesem unverdauten Virtuellen, dem Gebirge von Gefühlen und Gedanken, von denen man erst ab Kilometer sechs oder sieben merkt, dass sie ja auch noch da sind? Und sie melden sich so sicher wie der Krampf nach dem Zielspurt. Dieses ganze Gesumms ist etwas, das die Beine schwer und das Atmen immer zu kurz macht.

Manchmal, selten, entfachen diese seelischen Ballaststoffe aber auch ein Feuer, das den Lauf sogar beschleunigen kann. Allzu oft geschieht das nicht. Es ist ein Glück, so selten wie die berühmten Endorphinausschüttungen, die den gequälten Marathonläufer so um Kilometer 35 beglücken sollen. Glauben Sie bitte nicht an diese Endorphinausschüttungen. Es gibt sie nicht.

Denn schließlich keucht man doch wieder und schon auf halber Strecke. Und versteht es nicht. Der eigentlich im Laufen arbeitende Schriftsteller Haruki Murakami spricht vom "Gift der Seele, das nach oben steigt". Preisfrage: Ist dieses Gift dann weniger giftig, weniger vergiftend? Bestimmt nicht, doch warum sucht man es wie der Hund den Knochen? Der Lauf des Läufers ist immer der Lauf gegen sich selber, sagt man. Stimmt nicht ganz.

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