Jeans-Guide Blaues Wunder

Plötzlich wollen alle wieder Jeans tragen. Aber wie und warum eigentlich? Eine kleine Anleitung zum Start in die neue Saison.

Von Dennis Braatz

Was die Jeans der Modewelt bedeutet, lässt sich mit einem Zitat von Yves Saint Laurent auf den Punkt bringen. "Ich wünschte, ich hätte sie erfunden", hat er 1995 gesagt. Damals ergab eine Umfrage, dass Europäer und Amerikaner im Durchschnitt fünf dieser Hosen im Kleiderschrank haben. Jeans passen eben immer. Man kann sie zu fast allem kombinieren. Nur Schnitt und Passform variieren je nachdem, was gerade so angesagt ist. Bis heute sind aus fünf deshalb auch sieben Jeans geworden - für jeden Menschen auf der Welt. Schaut man auf die Laufstege, in Hochglanzmagazine und das, was Streetstyle-Ikonen bei den Modewochen im Februar trugen, könnten es nach diesem Sommer auch acht sein. Die Jeans erlebt gerade ein Fashion-Comeback. Sie ist wieder Trend, so vielfältig wie noch nie.

Am stärksten hat es die Abendmode getroffen, die letzte Abteilung für Kleiderordnungen und - zwänge. Jeans galten hier lange Zeit als verpönt. Indem die Designer "Dark Denim", also einen Stoff in besonders dunklen Schattierungen, zu schimmernd-glitzernder Seide und Stickereien kombinieren, werfen sie diese Etikette jetzt aber gekonnt über den Haufen.

Dann wären da für Frauen wieder Schlaghosen. Sie sind eine Folge der riesigen Seventies-Welle, haben deshalb einen Bund, der bis in die Taille reicht, und werden stilecht mit hohen Leder-Sandalen gestreckt, weil der Durchschnittskörper sonst recht stämmig darin aussieht. Dazu, das meldet der Handel, verkaufen sich Kastentops mit ausgefransten Säumen oder schlichte weiße T-Shirts am besten.

Männer greifen dagegen zur Dad-Jeans: Modelle, die so wenig wie möglich gewaschen sind und durch einen geraden Schnitt tatsächlich ein wenig an den Look alter Herren erinnern. Sie gehören zu dem Trend, sich so zu stylen wie der Mainstream. Dazu empfiehlt sich braunes Schuhwerk, bloß kein schwarzes, das wäre zu viel Seinfeld. Außerdem hat das Hemd aus dickem Denim jetzt filigrane Verzierungen, zum Beispiel kleine weiße Punkte, um den Cowboy-Look etwas abzumildern.

Für Männer wie Frauen wird zudem der Einteiler wiederbelebt. Die Schaufenster und Auslagen bekannter Marken wie Diesel und Levi's sind schon voller Latzhosen und Overalls. Sie erinnern übrigens an den wahren Erfinder der Jeans: Levi Strauss.

Der gebürtige Franke betrieb 1890 in Los Angeles eine Hosenmanufaktur. Seine Kunden (Bergarbeiter und Goldgräber) klagten über Kleidung, die der harten, körperlichen Arbeit nicht standhielt. Strauss importierte deshalb den robusten Baumwollstoff "Serge de Nîmes" aus Frankreich - später wurde aus diesem Begriff "Denim". Er verstärkte die orangefarbenen Nähte mit Kupfernieten, setzte Hosenträger und eine fünfte, kleine Tasche für Münzgeld auf. Die Levi's 501, Urmutter aller Jeans, war geboren.

Mit Mode hatte das noch nichts zu tun. Erst als Marlon Brando und James Dean in Filmen wie "Der Wilde" (1953) oder "Jenseits von Eden" (1955) die Hose trugen, entwickelten sich stilistische Codes. In weißen T-Shirts, Lederjacke und rotem Blouson erschütterten die rebellischen Schauspieler das Establishment und wurden zum Vorbild für die junge Generation. Auch John Travolta trug in "Grease" (1978) diesen Look, um seine Rolle als Draufgänger zu betonen. Zwei Jahre später brachte Calvin Klein die erste Designerjeans auf den Markt, beworben von Brooke Shields, die ein Bein in die Luft schwingend hauchte: "Wissen Sie was, zwischen mich und meine Calvins kommt? Nichts!"

So wurde die Jeans zum Ausdruck von Freiheit - und dafür steht sie bis heute. Das Hippie-Gefühl in diesem Sommer und der Wunsch, modisch einfach mal in der Masse zu verschwinden, passen perfekt dazu. Vor allem aber auch die Tatsache, dass die Jeans selbst 125 Jahre nach ihrer Erfindung noch einmal eine kleine Revolution in der Abendmode auslösen wird. Man kann Yves Saint Laurent also nur bestens verstehen.