Und trotzdem: Diese Jungen mit der Still-online-Kultur - wo waren die denn bloß so plötzlich hergekommen? Sah es nicht anfangs noch so aus, als seien die in den Sechzigern Geborenen die letzte Generation überhaupt gewesen? Als käme nichts Nennenswertes nach ihnen mehr? So hatten sie es doch gelernt, oder?

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Mitte der neunziger Jahre saßen sie in den Oberseminaren der philologischen Insitute und waren sich einig, dass sie im posthistoire leben wie auf einer sytemtheoretischen Ferieninsel. Sämtliche ideologischen Schlachten waren lange vor unserer Zeit geschlagen, und sie verwalteten gewissermaßen nur noch das Kulturgut von gestern, so wie der Dichter Nicolas Born schrieb: "Große Erzählerschlachten sind in unsere Wände geritzt" - sie mussten sie nur noch deuten, mehr nicht.

Ihre Zukunft, so dachten sie, würden sie auf der langen ruhigen Endmoräne der späten Moderne verbringen und das Erlernte und Erfahrene im privaten Leben umsetzen. Jedenfalls galt das für die eine Hälfte von ihnen. Übrigens ist diese Hälfte - trotz oder wegen ihrer digitalen Tollpatschigkeit - die eindeutig glücklichere. In Jean Paul Sartres Roman "Zeit der Reife" grübelt der Philosoph Mathieu Delarue: "Was ist denn schon die Bohème? Vor hundert Jahren war das alles ganz hübsch, jetzt ist es eine Handvoll Verückter, die keinem gefährlich werden und den Zug verpasst haben."

Die Kunst bestand für sie nun erstens darin, sich einzugestehen, dass der Zug abgefahren ist und zweitens selbstbewusst zu verkünden, dass man zwar weitgehend von Gestern ist, aber dafür Gott sei Dank nicht die halbe Nacht im Chatroom 'rumhängen muss.

Schlechter ging es der anderen Hälfte, jenen, die zwischenzeitlich nach Berlin umzogen, um in einer irgendwie neuen Art von Großstadtidee aufzugehen. Sie trugen hautenge Jacken zu ihren Krähenfüßen und cremten sich das schütter gewordene Haupthaar mit Gel struppig, von hinten nach vorne oder von einer Seite auf die andere. In ihre Dreitagebärte hatten sich schon graue Stoppeln gemischt, und wenn sie im Internet-Café tapsig mit 25-jährigen Studentinnen Kontakt suchten, wusste man: es waren Männer, die nicht erwachsen werden wollten und sich einem kindischen Begriff von Freiheit verpflichtet hatten, der sie nirgendwo hinführte.

Die Erfahrungen der alten Bundesrepublik vermochten sie genau so wenig abzuspalten wie sie sich die sorglose Chatter-, Twitter- und Bloggerkultur der Jüngeren aneignen konnten.

Im Jahr 2050 werden sie von ihren eigenen Pflegerobotern aus Verachtung ständig eine reingesemmelt kriegen. Wie würdelos ist das denn?

Macht es sich da nicht besser, mit dieser partiellen Unbeholfenheit durch die Jahre zu gehen und sein Selbstbewusstsein aus der Wahrheit zu ziehen, dass man prinzipiell leider nirgendwo mehr richtig mitkommt, aber alles wahnsinnig interessant findet, was die Jüngeren in ihren furchtbar gefühlskalten Communities da so aushecken?

Zaungäste sollen sie sein, sich am Ende in wirbelsäulenfreundlichen Gel-Sesseln zurücklehnen und die Jahre rekapitulieren, in denen sie von einer Krise in die andere gegangen, aber keineswegs untergegangen sind - ein bisschen wie der junge Adelige Orlando in Virginia Woolfs Roman. Der rutscht ja auch durch die Jahrhunderte wie Butter, wechselt zwischenzeitlich sogar sein Geschlecht, aber eine ganz wichtige Sache führt er, nein: sie immer mit sich: Das Manuskript ihres Gedichts "Die Eiche", das lange Zeit keiner so richtig haben will und erst zum Romanende, da ist es bereits 1928, mit einem Preis ausgezeichnet wird.

Die "Eiche" des Jahrgangs 1967 - um gegen Ende noch mal kulturkonservativ aufzuheulen - könnte sie nicht für das stehen, was diese Mädchen und Jungen vor dem digitalen Zeitalter an Bildung und politischer Erfahrung aufgenommen haben? All das kulturelle Gepäck aus der vordigitalen Zeit - können sie damit im Jahr 2050 noch einen Blumentopf gewinnen? Oder wäre es besser, wenn sie sich damit endgültig, jetzt natürlich nur ins Unreine und in Parenthese gesagt: zum Teufel scheren?

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(SZ vom 30.05.2009/mes)