Zwei Generationen werden aneinander vorbeileben: Datenträger neben Bedenkenträgern. Die einen werden immer im Jetzt leben, die anderen können ihre Erinnerungen an das Einst nie so recht mit dem Jetzt versöhnen.

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Diese Anderen sind die Freunde vom Jahrgang 1967. Im Jahr 2050 werden sie über achtzig Jahre alt sein und unter ständigem Kopfschütteln auf Zeiten zurückblicken, in denen Schritt für Schritt alles baden ging, was sie für unabdingbare gesellschaftliche Konstanten hielten, weil sie es ja so gelernt hatten.

Jene Empfindung, welche der Essayist Alain de Botton Statusangst genannt hat, dürfte sich allerdings, was uns angeht, ein für allemal erledigt haben, denn Unternehmen werden sich künftig lediglich über ihre Marktwirtschaftlichkeit definieren und nicht mehr als Bühnen individuellen Gestaltungswillens. Etwaige kreative Kaspereien können also gleich wieder eingesteckt werden.

Ja, da stehen sie dann im Jahr 2050, oder sie sitzen in satellitengesteuerten Rollstühlen und rekapitulieren, wie die Welt sich verändert hat, allerdings nicht durch Atomkriege und Waldsterben, wie sie es Anfang der Achtziger, oh ja, eingetrichtert bekommen hatten.

Nein, es geschah durch Kommunikationstechniken, mit deren Hilfe man nicht einfach direkten Kontakt zu jemandem aufnimmt, so wie sie es noch vom Telefonieren kannten, sondern in denen man sich mit seiner ganzen Existenz einrichten, ja, in welcher man sich eine komplett neue Existenz aufbauen konnte.

Als die Leute vom geburtenstarken Jahrgang das einigermaßen kapiert hatten, waren sie aber doch zu alt geworden für myspace, flickr und StudiVZ - sie hätten dort ausgesehen wie die fremdelnden Seniorenstudenten in den Soziologie-Seminaren damals, die jeden Beitrag mit der ängstlichen Formulierung begannnen: "Könnte man nicht eventuell sagen, also jetzt alles in Parenthese natürlich, dass . . . ?"

Im Frühjahr 2009, so werden sie sich einmal erinnern, hatten die Händler in den deutschen Buchhandlungen Pappgerüste aufgestellt, auf denen das erste E-Book lag wie eine Reliquie.

Die sensationelle Art, wie die neue digitale Errungenschaft präsentiert wurde, hatte etwas rührend Altbackenes und erinnerte an die Installation des ersten Aquariums anlässlich der Weltausstellung 1851 in London - damals war die Bevölkerung ähnlich hin- und hergerissen, ob sie die Neuerung nun feiern oder als unwürdiges Spektakel abtun sollte, das ja immerhin geeignet war, die Hoheit der Menschheitskultur in Frage zu stellen - Fische galten als Nahrung, nicht als autonome Lebensform.

Natürlich haben die vom geburtenstarken Jahrgang alle später das E-Book benutzt, aber immer mit der Einschränkung, dass es uns lediglich als ästhetisches Prüfinstrument dienen sollte: Wir laden uns ein Buch herunter, schauen uns die ersten fünfzig Seiten digital an und wenn es uns gefällt, bestellen wir das analoge Pendant bei Amazon oder ZVAB - Halbleinen oder Leder, je nach Autor, je nach Laune.

Kaum etwas ist komischer als die verschrobene Vorsicht, mit der sie von Anfang an die neuen Medien benutzten. Im Grunde richteten sie sich nach ähnlichen Prinzipien, mit denen sie als Kind das Fernsehen erlernten: erst die Sendung in der Programmzeitschrift ankreuzen, dann auswählen und schauen. Das größte Problem ihres Jahrgangs war, dass sie seit jeher mit dem Standbein in der alten Bundesrepublik standen und lediglich mit dem Spielbein im digitalen Meer rührten.

Die "neuen Medien" nannten sie übrigens noch so, als diese bereits ein halbes Jahrhundert alt waren. Weil sie mit dem Zeug nicht richtig warm wurden, haben die ganz Erleuchteten unter ihnen zur Twitterkultur - und das ist wirklich das Trotteligste überhaupt - auch noch eine ironische Haltung eingenommen.

In Wahrheit, so unkten sie gartenlaubenhaft, ist die ganze junge digitale Community auch nur auf der Suche nach Nähe und Vieraugengesprächen - sozialen Privilegien also, die ausschließlich diejenigen noch kennen, die sich früher in den Kellerräumen der katholischen Jugendgruppen getroffen haben und sich noch an Telefone erinnern, die schellen - die tollen Zeitzeugen.

Dementsprechend adenauerhaft klingt der Sound in digitalkritischen Büchern wie "Das große Rauschen" von Astrid Herbold, Jahrgang 1973, die vom medienkonservativen Feldherrnhügel aus spöttisch die Lippen schürzt: "Da müssten wir uns schon sehr irren, wenn aus diesen einsamen Stubenhockern nicht noch hochkommunikative und hochproduktive Mitglieder der Gesellschaft werden."

Nun ja, so bellten früher böse alte Rentner, die auf Kissen im Fenster lagen, Fußball spielende Kinder an. Es ist schwer zu glauben, dass diese Attitüde sogar noch von Leuten gepflegt wird, die sogar fünf, sechs Jahre jünger sind als jene vom Jahrgang 1967. Das sind Menschen, die ihre Homepage "Heimatseite" nennen, um auf diese Weise mit Trotz zu zeigen, dass sie noch solide Wurzeln in der altbewährten deutschen Sprache und Kultur haben.

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