Interview: Claudia Tieschky

Seit 1969 sind Barbara und Wolfram Siebeck ein Paar. Nun wird Deutschlands bekanntester Gourmet achtzig. Ein Gespräch mit ihr über ihn.

Sie ist in der Künstlerkolonie Worpswede aufgewachsen, und sie hatte ein Leben, bevor sie ihn traf und Barbara Siebeck wurde: In der Zeitschrift Twen erschien 1960 die berühmte Aufnahme, die ihr damaliger Mann Will McBride von ihr gemacht hatte: die hochschwangere Barbara im Profil - das Bild einer modernen, emanzipierten jungen Frau, das die Tugendhüter erregte. Der Journalist Wolfram Siebeck bekam 1958 in Twen seine erste kulinarische Kolumne und begann dort seinen Feldzug gegen fades deutsches Essen und schlechte Lebensmittel, den er im Zeit-Magazin, im Feinschmecker und seinen vielen Büchern bis heute fortsetzt. Seit 1969 sind sie ein Paar. Er wird an diesem Freitag achtzig. Ein Gespräch mit ihr über ihn.

Wolfram und Barbara Siebeck

Von Ehefrau Barbara lässt sich Wolfram Siebeck gerne füttern. (© Foto: Rumpf)

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SZ: Frau Siebeck, Sie sind die Frau des Geschmacksrichters. Das könnte fast ein Filmtitel sein. Wäre das eine Komödie oder ein Drama?

Barbara Siebeck: Drama nein, Komödie ist mir auch nicht aufgefallen.

SZ: Nörgeln gehört zum Beruf Ihres Mannes.

Siebeck: Das allerdings ist ein Drama. Aber das ist sein Beruf, und man kann es zu Hause nicht sofort abstellen. Das muss man ertragen.

SZ: Aber Sie dürfen zu Hause kochen?

Siebeck: Ich muss. Mein Mann schreibt ja. Im Moment schreibt er seine Memoiren. Ich kann ganz gut kochen, falls Sie das fragen wollen, bloß er kritisiert dann auch. Aber man lernt dabei ja immer. Am Ende des Essens sagt er dann, das hat ja doch wieder gut geschmeckt - und dann ist es okay.

SZ: Wie unterscheidet sich Ihre Küche von seiner?

Siebeck: Bei mir ist alles weniger chaotisch. Männer sind beim Kochen eher wie Hühner, die Sand aufwuzeln. Aber ansonsten haben wir denselben Geschmack. Ich weiß genau, was er mag und welcher Wein dazu schmeckt.

SZ: Wolfram Siebeck hat seit 1980 neben seiner Arbeit für Zeit und Feinschmecker 45 Bücher geschrieben. Wie bewältigt jemand so ein Pensum?

Siebeck: Er arbeitet sehr diszipliniert. Wenn wir in einem Restaurant gegessen haben, geht er gleich danach ins Hotel und schreibt es auf. Früher sprach er seine Beobachtungen eine Zeitlang bei Tisch in ein Mikrophon unter seiner Serviette - furchtbar langweilig für mich, denn ich musste ihn dazu interessiert ansehen, sonst hätten die Leute geglaubt, der arme Mann redet und seine Frau hört überhaupt nicht zu.

SZ: Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?

Siebeck: Ich hatte eine Galerie, "die Insel", erst in Starnberg, später in München. Zu der Eröffnung hatte mir Twen-Gründer Willy Fleckhaus Adressen von Leuten gegeben, die man einladen könnte, darunter die von Siebeck. Tja, man macht eine Galerie auf und lernt den Mann seines Lebens kennen! Das ging natürlich nicht sofort, ich war ja noch verheiratet.

SZ: Hatten Sie eine Vorstellung davon, wer er war?

Siebeck: Seine Kolumnen kannte ich, aber er fing erst an, über Essen zu schreiben. Dass es ihm wichtig war, gute Restaurants zu finden, merkte man sofort, schon als wir nach der Vernissage essen gingen und er fand, das schmeckte alles grauenvoll. Dass man Bescheid weiß, was man isst und auf der Suche nach Neuem in fremde Städte reist - ich glaube, diese Art Leben hat mir gefallen.

SZ: Er sagt, er macht nichts ohne Sie.

Siebeck: Es stimmt, wir machen alles zusammen. Wir gingen von Anfang an immer zusammen essen, ich war noch nie länger als zwei Tage ohne meinen Mann.

SZ: Welche Art von Kunst haben Sie in Ihrer Galerie ausgestellt?

Siebeck: Kunst der Zeit: Ed Kienholz, David Hockney, Roland Topor, auch junge halbbekannte Künstler. Hockney kam Anfang der Siebziger sogar nach Starnberg, und Amon Düül haben Musik gemacht. Ich musste die Galerie leider aufgeben, wir zogen auch weg. Aber manchmal muss man doch etwas Eigenes machen, aus dem Impuls entstand das Buch über meinen Garten in der Provence mit der Fotografin Sigi Hengstenberg.

SZ: Wolfram Siebeck hat oft beschrieben, wie 1950 bei einer Reise nach Frankreich seine Leidenschaft für die feine Küche begann. Er war damals Illustrator und plante Animationsfilme - hätte aus ihm auch etwas ganz anderes werden können?

Siebeck: Ich glaube nicht. Rennfahrer vielleicht, das hätte ihm auch gefallen.

SZ: Wie war Ihr Leben in den Siebzigern?

Siebeck: Wir haben erstmal sehr schön gelebt, auf dem Land, mit meinen drei Kindern. Tagsüber war ich in der Galerie in München, abends transportierte ich mit der S-Bahn in schweren Taschen die Zutaten für unser Abendessen vom Viktualienmarkt. Ich habe mir die Schultern ruiniert, Wolfram musste immer für fünf Personen kochen. So hat er es erst richtig gelernt. Er begann, seine Rezepte zu verbreiten, wir nannten das Inselbriefe, denn anfangs nutzte er die Kundenliste meiner Galerie. Aber wenn einer bestellt hatte, kopierten alle anderen. Wolfram sagte, ich glaube, es ist besser, ich mache ein Buch - die Kochschule für Anspruchsvolle, gestaltet von Willy Fleckhaus.

SZ: Schmecken ihm Innereien eigentlich wirklich?

Siebeck: Ja, wirklich. Warum weiß ich nicht, mir schmeckt es nämlich nicht.

SZ: Sein neues "Kochbuch der verpönten Küche" setzt Hirn, Nieren, Zunge, und Kalbsköpfe ins Bild - ist das auch Lust an der Provokation?

Siebeck: Das war für ihn eines seiner wichtigsten Bücher. Er wollte den Leuten sagen, esst das, was das Tier auch noch hat! Man kann daraus wunderbare Sachen machen, nicht nur Hundefutter.

SZ: Aber Provokation mag er auch?

Siebeck: Natürlich, nichts ist schöner, als die Bürger ein bisschen zu schockieren. Aber eigentlich ist er ein introvertierter Mensch. Als ich ihn kennenlernte, war er schüchtern. Ich war auch schüchtern. Durch feine Restaurants bin ich anfangs beinahe gerannt vor Schreck.

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(SZ vom 19.09.2008)