Ein Kommentar von Violetta Simon

Mit der Pille kam die Befreiung der Frau, heißt es, genau wie mit dem Paragraphen 218 und den Kitas. Doch jedes Stück Freiheit bedeutete immer auch: weniger Verantwortung für den Mann.

Ist es nicht beeindruckend, was die Pille im vergangenen halben Jahrhundert geleistet hat? Sie befreite die Frauen von ungewollter Schwangerschaft, förderte ihre sexuelle Gleichberechtigung und entspannte die Beziehung zwischen Mann und Frau - so viel zur gängigen Theorie.

50 Jahre Pille; sexuelle Befreiung der Frau; iStockphotos

Die Frau, das befreite Wesen - nicht halb so frei, wie es der Mann schon immer war. (© Foto: iStockphotos)

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Die geht vor allem dann auf, wenn man davon ausgeht, dass Schwangerschaft eine weibliche Angelegenheit ist. Dass es Aufgabe der Frau ist, sich mit ihr auseinanderzusetzen, sie gegebenenfalls zu vermeiden oder die entsprechenden Konsequenzen zu tragen. Das alles ungeachtet der Tatsache, dass eine Schwangerschaft in der Regel durch männliche Beteiligung erfolgt.

Daher wurde in den ersten Jahren die Pille auch nur an verheiratete Frauen mit mehreren Kindern abgegeben - schließlich war Geschlechtsverkehr vor der Ehe tabu, also brauchten Unverheiratete auch kein Verhütungsmittel.

Im Falle einer ungewollten Schwangerschaft musste die Ledige darauf hoffen, geheiratet zu werden, alles andere war skandalös. Häufig mussten sich die Frauen zu einer Abtreibung entscheiden oder das Kind nach der Geburt weggeben. So gesehen kann die Pille in der Tat als Befreiung gesehen werden - von einer Konsequenz, die viele Männer nicht bereit waren, mitzutragen.

Wären Väter durch Schwangerschaft und Geburt ebenso in die Familienplanung involviert wie Mütter, würden wir heute sicher nicht den 50. Jahrestag der Pille begehen - weil es sie schon viel früher gegeben hätte.

Als das Präparat am 11. Mai 1960 auf dem Markt eingeführt wurde, ging ein Aufschrei der Entrüstung durch die Kirche: In das Lebensgefühl der revoltierenden Studentenkommunen und Love-and-Peace-Hippies schlug ein päpstliches Donnerwetter ein - in Form der Enzyklika Humanae Vitae, heute auch als "Pillen-Enzyklika" bekannt, in der Papst Paul VI. jede Form künstlicher Empfängnisverhütung als inakzeptablen Werteverlust anprangerte.

Im Übrigen stieß das Hormonpräparat mitunter auch bei Männern auf Ablehnung: Da ein Seitensprung ohne Folgen bleiben würde, hatten die erweiterten Möglichkeiten der Frauen eine überaus beunruhigende Wirkung auf das männliche Selbstbewusstsein.

Und so führte der Pharmakonzern Schering die Pille zunächst als Medikament gegen Menstruationsstörungen ein - die Unfruchtbarkeit erschien als Nebenwirkungen im Beipackzettel. Um die Akzeptanz bei den Frauen zu erhöhen, wurde durch eine einwöchige Einnahmepause eine Regelblutung imitiert.

Mittlerweile nutzen mehr als 100 Millionen Frauen auf der ganzen Welt das Hormonpräparat zur Empfängnisverhütung, in Deutschland ist es das am weitesten verbreitete Verhütungsmittel.

In der DDR gab es gegen diese Art der Befreiung weitaus weniger Vorbehalte, im Gegenteil: Dort erhielten Frauen die Pille als Mittel zur Familienplanung sogar kostenlos vom Staat. Zudem sah das Gesetz vor, dass Schwangerschaftsabbrüche bis zur zwölften Wochen legal waren.

Ganz so frauenfreundlich wie es auf den ersten Blick erscheint, war diese Gesetzgebung aber nicht: "Denn es ging nicht primär um das Wohl der Frau", schreibt die Autorin Anne Mareike Schwarz in ihrer wissenschaftlichen Arbeit Sexualität in der DDR, sondern um das des Staates, der dringend auf die weibliche Arbeitskraft angewiesen war.

Der Unterschied zwischen Können und Müssen

Dass Frauen ihre Freiheit einer kleinen runden Tablette zu verdanken haben, dieser Gedanke hatte sich recht schnell etabliert - und zwar nicht nur bei den Männern : "Die Frauen haben in unserer westlichen Gesellschaft einen beträchtlichen Vorteil gegenüber den Männern: sie können - theoretisch - wählen zwischen einer Karriere und einer Familie", schreibt die emeritierte Professorin Suzette Sandoz 2008 in der Dezemberausgabe der Schweizer Monatshefte zum Thema Familienpolitik.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle auch gleich die Kehrseite dieser Wahrheit erwähnen: Frauen müssen wählen zwischen Karriere und Familie. Beides gibt es nicht ohne Einbußen - das unterscheidet sie vom Mann.

Der macht aus seiner privilegierten Stellung mitunter keinen Hehl, im Gegenteil: "Die Zahl der Väter, die Teilzeit arbeiten wollen, ist verschwindend gering, weil sie insgeheim ahnen, dass das eine Menge Arbeit nach sich zieht", behauptet Constantin Gillies, der in seinem Buch Wickelpedia - Alles, was man(n) übers Vaterwerden wissen muss die neuen Väter als "Warmduscher" bezeichnet.

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  2. Berufstätigkeit der Frau - ein Privatvergnügen?
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