50 Jahre nach dem Medikamentenskandal "Wir erleben eine zweite Contergan-Katastrophe"

Die Opfer des größten deutschen Arzneimittelskandals sind inzwischen um die 50 Jahre alt - und ihre Probleme größer denn je: Der pflegerische Bedarf steigt, die finanziellen Mittel fehlen. Margit Hudelmaier, Vorsitzende des Bundesverbandes Contergangeschädigter, über den Kampf mit dem Pharmakonzern Grünenthal - und den erneuten Einsatz des gefährlichen Wirkstoffs Thalidomid.

Interview: Johanna Bruckner

1957 bringt der deutsche Pharmakonzern Grünenthal das Schlafmittel Contergan auf den Markt. Das Präparat wird weltweit als "völlig ungiftig" beworben und auch Tausenden Schwangeren verschrieben. Mit fatalen Folgen: Wie sich herausstellt, führt der enthaltene Wirkstoff Thalidomid zu Nervenschädigungen - und schweren embryonalen Störungen. Auf entsprechende Tests zu einer möglichen fruchtschädigenden Wirkung des Arzneimittels hatte Grünenthal, mutmaßlich aus Kostengründen, verzichtet. Am 27. November 1961 nimmt das Unternehmen Contergan schließlich aus dem Handel - doch da hat die Katastrophe längst ihren Lauf genommen. Allein in Deutschland werden etwa 5000 Babys mit missgebildeten Organen und Gliedmaßen geboren. Etwa 40 Prozent der Kinder sterben kurz nach der Geburt oder im Säuglingsalter. Im größten Arzneimittelskandal in der Geschichte der Bundesrepublik müssen die Betroffenen in einem jahrelangen Rechtsstreit um Entschädigung kämpfen. 1971 überweist Grünenthal der Contergan-Stiftung schließlich 100 Millionen Mark. Aus Bundesmitteln wird das Stiftungsvermögen um weitere 100 Millionen Mark ergänzt. Diese Summe ist jedoch bereits 1997 aufgebraucht. Im Gespräch mit sueddeutsche.de erklärt Margit Hudelmaier, Vorsitzende des Bundesverbandes Contergangeschädigter, warum die Betroffenen 50 Jahre nach der Katastrophe erneut zu Opfern werden.

sueddeutsche.de: Frau Hudelmaier, die meisten der 2400 Contergangeschädigten in Deutschland sind mittlerweile um die 50 Jahre alt - wie geht es ihnen heute?

Margit Hudelmaier: Das kommt immer auf die jeweilige Behinderung an. Ich zum Beispiel bin relativ schwer geschädigt: Ich habe zwei ganz kurze Arme, die direkt an den Schultern angewachsen sind. Für mich bedeutet mittlerweile schon das Aufstehen morgens eine große Herausforderung. Wobei ich noch das Glück habe, dass mir mein Mann und mein Sohn beim Duschen oder Anziehen helfen können. Dadurch habe ich noch die Energie, zur Arbeit zu gehen. Anderen mit meiner Behinderung fehlt diese Unterstützung jedoch: Die strengt das morgendliche Ritual so an, dass sie danach eigentlich direkt wieder ins Bett gehen könnten.

sueddeutsche.de: Sie sprechen auch von einer zweiten Contergan-Katastrophe. Was meinen Sie damit?

Hudelmaier: Mit dem Älterwerden kommen zu den ursprünglich bereits schweren Beeinträchtigungen schmerzhafte Folgeschäden hinzu. Die jahrelangen atypischen Bewegungen haben uns vorzeitig altern lassen: Wir sind jetzt alle um die 50, aber unsere Körper entsprechen denen von 70- bis 75-Jährigen. Selbst diejenigen, die früher in der Lage waren zu arbeiten, schaffen das heute vielfach nicht mehr: Weil die wenigsten Vollzeit tätig waren, sind die Rentenansprüche entsprechend gering. Und die Helfersysteme, die sich uns bisher moralisch verpflichtet gefühlt haben, brechen weg: Eltern sterben, Partner werden krank - und Kinder sollen ja ihren eigenen Weg gehen können. Der pflegerische und damit auch der finanzielle Bedarf steigen.

sueddeutsche.de: Da wäre doch an erster Stelle der verantwortliche Pharmakonzern Grünenthal in der Pflicht: Bekommen Sie von dort Unterstützung?

Hudelmaier: Im Gegenteil! Die behaupten zwar gerne, die "Contergan-Tragödie" sei Teil der Unternehmensgeschichte - aber das ist nur Augenwischerei. Der Begriff "Tragödie" impliziert, dass es sich bei der Contergan-Katastrophe um etwas Schicksalhaftes handelt, auf das Grünenthal keinen Einfluss hatte. Dabei hätte die Katastrophe sehr wohl verhindert werden können. 2006 hat der Konzern zunächst alles dafür getan, die Ausstrahlung des Contergan-Films (zweiteilige WDR-Dokumentation über den Medikamentenskandal, Anm. d. Red.) verbieten zu lassen. Dann kam der öffentliche Druck - und plötzlich fand sich auf der Unternehmens-Homepage ein Hinweis zu dem Film. Kaum war das Medieninteresse wieder abgeebbt, war auch der Hinweis verschwunden. So viel zum Thema Verantwortung übernehmen.

sueddeutsche.de: Aber 2009 hat Grünenthal der Contergan-Stiftung doch noch einmal 50 Millionen Euro überwiesen.

Hudelmaier: Auch nur, weil der öffentliche Druck nach der Ausstrahlung des Contergan-Films entsprechend groß war. Damals hieß es von Seiten Grünenthals medienwirksam: "Das ist nur ein erster Schritt von unserer Seite. Wir fühlen uns den Betroffenen moralisch verpflichtet."