50 Jahre Barbie Mit Wespentaille in die Midlife-Crisis

Barbie Millicent Roberts wird 50 Jahre alt. Die Plastikpuppe ist dem Zickenkrieg mit ihren Konkurrentinnen immer weniger gewachsen.

Von Uwe Ritzer

Barbies sprechen nicht, weder die echten, noch ihre menschlichen Klone. Das führt zu skurrilen Situationen am Neuheitenstand von Mattel bei der Spielwarenmesse in Nürnberg. Die langbeinigen, schlanken Blondinen, die den Plastikvorbildern nicht nur in Frisur und Kleidung verblüffend ähneln, reagieren auf alle Fragen mit stoischem Lächeln.

Reden dürfen nur die PR-Leute von Mattel und Designer Philipp Plein, denn der hat gerade eine exklusive Glamour-Jubiläums-Barbie eingekleidet. Sie macht es einem eben nicht leicht, diese kleine, aufgetakelte Plastikschönheit. 50 Jahre wird Barbie Millicent Roberts, wie sie korrekt heißt, in diesen Tagen. Und noch immer erregt sie die Gemüter - der Erwachsenen.

Zum Beispiel im Internet. Dort kann man in Erziehungsforen köstliche Debatten verfolgen. Zum Beispiel, wenn Mutter Anna verzweifelt, weil ihr stures Töchterlein dauernd rosa Kleidchen anziehen will. Emmy beruhigt sie: "Das ist halt ein Mädel." Myri rät Anna, doch "diese Phase zu unterstützen und mitzuspielen."

Worüber Steffi "erst einmal lachen musste", ehe mit Sissi eine andere "bekennende Barbie-Hasserin" Anna beispringt. "Bislang haben wir es geschafft, diese Dinger von unserer Tochter fernzuhalten", schreibt Sissi stolz, "wir haben ihr gesagt, dass wir Barbie doof und nicht schön finden." Und dann, so die pädagogisch offenkundig versierte Mutter, habe sich das Töchterlein "eine eigene Meinung" gebildet. Sie denkt jetzt wie ihre Eltern.

Eine echte Frau mit diesen Maßen würde umkippen

So viel Verbissenheit um ein 29,2 Zentimeter kurzes und 206 Gramm leichtes Modepüppchen mit Wespentaille, verhältnismäßig üppigem Busen, überproportional langen Beinen und kurzen Füßen. Orthopäden sagen, Barbies Körperbau sei so verkehrt, dass eine echte Frau mit diesen Maßen umkippen, aber niemals auch nur wenige Meter unfallfrei laufen könnte. Gynäkologen haben ausgerechnet, dass ihr Körperfettanteil zu gering wäre, um die Menstruation zu bekommen. Und trotzdem bevölkern weit über eine Milliarde dieser Blondchen den Erdball. Barbie ist auch mit über 50 ein Weltstar, quasi die Madonna in der Puppenstube.

Statistisch besitzen neun von zehn Mädchen zwischen drei und zehn Jahren mindestens ein Exemplar. Zu den Mysterien um dieses Geschöpf gehört, dass alle Mädchen Barbie sein wollen, aber kein Junge deren Freund Ken. Dabei hat der breite Schultern, viele Muskeln, kein Gramm Fett und einen knackigen Po.

Überhaupt Schönheitsideal. Was hat man Barbie in ihren 50 Lebensjahren nicht alles nachgesagt: Sie verkörpere das verzerrte Frauenbild vom blonden oberflächlichen Dummchen, das trotzdem alles hat, nur weil es schöner ist als die anderen. Psychologen der britischen Universität Sussex warnten vor Essstörungen durch Barbie-Spiel. Die "ultra-dünnen Figuren schwächen das Selbstwertgefühl der Mädchen und bewirken, dass sie mit ihrem eigenen Körper weniger zufrieden sind", hieß es. Denn in Wirklichkeit habe nicht einmal eine von 100000 Frauen eine vergleichbare Puppenfigur.

Barbie als Hassobjekt von Teenie-Mädchen

Andere britische Forscher stellten fest, dass Barbies für viele Mädchen im Teenageralter Hassobjekte werden. Sie fangen an, das Symbol für ihre Kindheit, die sie mit aller Gewalt hinter sich lassen wollen, zu foltern, zu köpfen, anzuzünden oder gar in die Mikrowelle zu stecken. Das sei nicht normal, sagen die Forscher. Erwachsene Barbie-Hasser zelebrieren übrigens an jedem 27. Juli den "Barbie-im-Mixer-Tag".

Das hat Barbie nicht verdient. Schließlich orientierte sich ihre Schöpferin Ruth Handler der Mattel'schen Überlieferung nach an der Wirklichkeit, nämlich an ihrer Tochter Barbara und deren Freundinnen. Die ließen Papierpuppen in Erwachsenenrollen und -berufe schlüpfen. Handlers erste Barbie ging im schwarz-weiß gestreiften Badeanzug, in Sandaletten, mit einer Sonnenbrille und großen Ohrringen ins Schwimmbad.

Im Lauf der Zeit entstand eine rosa Puppenwelt mit Barbie-Villa und Barbie-Eisenbahn, mit hunderten Business- und Freizeit-Outfits, zum Teil von Star-Designern entworfen. Millionen Mädchen lieben es, die Plastik-Frau ständig an- und umzuziehen. Kommerziell war Barbie ein in der Spielwarenbranche beispielloser Welterfolg. Zigtausendfach wurde sie raubkopiert.

Mattel scheut bis heute weder Kosten noch juristische Mühen, um das Original vor realen Stripperinnen und Autoherstellern zu schützen, die mit Barbies Namen Geschäfte machen wollen. Oder vor Künstlern, die sich zu schräg an sie heranmachen.

Doch nun tobt in den Puppenregalen der Spielwarenhändler weltweit ein Zickenkrieg, dem Barbie mit ihren 50 Jahren immer weniger gewachsen scheint. Die ewigen Nachstellungen ihrer Konkurrentinnen wie Bratz zeigen erste Spuren. Um mehr als ein Fünftel brach der Barbie-Verkauf im zurückliegenden Weihnachtsquartal ein. Der Mattel-Umsatz sackte um elf Prozent und der Gewinn um fast die Hälfte ab.Aber vielleicht ist es ja nur eine Midlife-Crisis. Die geht vorbei. Meistens jedenfalls.

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