Zwei Alkoholiker berichten Friedrich, 69 Jahre

Friedrich, 69 Jahre

Ich habe schon mit 13 genügend getrunken, bei Geburtstagen bekamen die Kinder zum Beispiel immer Likör. Außerdem habe ich früh angefangen, bei einem Küfer auszuhelfen, dort war man ständig mit Alkoholika in Kontakt. So wurde ich der klassische Pegeltrinker, immer mal wieder ein Gläschen. Zum Beispiel abends, bevor ich zu Bett ging oder nachts, wenn ich aufwachte, trank ich etwas. Nicht unbedingt, weil ich Probleme hatte, sondern weil es mir schmeckte. Und ich stopfte mich mit Pfefferminzbonbons voll, damit die Leute meine Fahne nicht rochen.

Ich machte mich selbständig, schrieb aber ständig rote Zahlen. Morgens bin ich wach geworden und hatte Angst, weil ich das Geschäft nicht im Griff hatte. Die Mitarbeiter nahmen mich nicht ernst und konnten mich austricksen, weil ich keinen Überblick über die Abläufe hatte.

Sie wussten, dass sie zum Beispiel zweimal einen Vorschuss verlangen konnten. Ich erinnerte mich nie, ob ich ihnen schon einen Vorschuss gezahlt hatte und gab das nicht zu, sondern zahlte. So hoffte ich, dass niemand meinen alkoholbedingten Gedächtnislücken auf die Schliche kam, was natürlich absurd war. Einmal hat mir ein Mitarbeiter das Auto weggenommen, einen Tag später stand es kaputt auf dem Parkplatz, ich habe nichts unternommen. Wenn ich einen Freund anrief und er meinte, ich hätte ihn gestern bereits angerufen und das Gleiche erzählt, versuchte ich abzuwiegeln.

Meine erste Frau hat irgendwann gesagt: "In meinen Augen bist du ein Alkoholiker." Ich habe ihr immer versprochen, mit dem Trinken aufzuhören: morgen, nächste Woche, an Weihnachten, an Silvester. Natürlich sagte ich das nur, wenn ich Bier intus und den Mut dazu hatte. Gleichzeitig verlor ich immer mehr die Kontrolle, habe meine Frau auch betrogen. Einmal bin ich nach einer Kneipentour drei Tage nicht nach Hause gekommen, ich kann mich nicht genau erinnern, wo und bei wem ich während dieser Zeit war.

Morgens sah ich immer aus dem Fenster, um nachzuschauen, ob das Auto noch auf dem Parkplatz stand. Oft musste ich es in meinem Dorf suchen. Ich wusste manchmal nicht, wie ich nach Hause gekommen war. Ich bin auch schon durch München gelaufen, um dort mein Auto zu suchen. Ich nahm nicht nur meine Umwelt nicht mehr wahr, sondern vernachlässigte auch das äußere Erscheinungsbild: Meine Eckzähne waren abgebrochen, ich hatte lange Haare und war ungepflegt, trug kaputte Kleidung.

Im Jahr 1981, nachdem ich wieder ein Versprechen, mit dem Trinken aufzuhören, nicht eingehalten hatte, verließ mich meine Frau mit den zwei Kindern. Sie waren damals zwei und drei Jahre alt. Ich war 41 und mein Arzt sagte, wenn ich so weitermachen würde, hätte ich vermutlich nur noch ein halbes Jahr zu leben, die Leberwerte waren katastrophal. Mit meinem Geschäft stand ich auch kurz vor der Pleite.

Dadurch, dass meine erste Frau mich verließ, hat sie mir das Leben gerettet. Ich wollte nun wirklich trocken werden. Eine stationäre Kur kam für mich wegen meines Geschäfts nicht in Frage, deswegen bin ich zu den Anonymen Alkoholikern. In der Anfangszeit habe ich so viele Treffen wie möglich besucht. Einmal war ich sogar elf Tage am Stück bei verschiedenen AA-Ortsgruppen. Ich schaffte den Absprung nicht von heute auf morgen, aber seit Januar 1982 bin ich vollkommen trocken. Seitdem ging es mit meinem Geschäft aufwärts, ich machte plötzlich Gewinn.

Meine zweite Frau kennt mich nur trocken. Morgens, wenn ich aufstehe, freue ich mich bereits, dass ich nicht mehr trinken muss, und es auch gar nicht will. Ich habe auch keine Ängste mehr, weder vor Pleiten noch meinen Mitmenschen, schließlich habe ich jetzt einen klaren Kopf und kann Herausforderungen anpacken und bewältigen.

Früher trank ich, weil es mir so gut schmeckte, gerne süße Alkoholika: Likör, Krim-Sekt oder Bockbier. Heute mag ich immer noch Süßes gerne, aber statt Alkohol gönne ich mir nun Croissants, Kuchen und im Sommer viel Eiscreme, das schmeckt doch auch wunderbar.