Italien stellt sexistische Beleidigung unter Strafe Keine Eier, nirgends
Anzeige
Wer einem Italiener sein Gemächt abspricht, muss künftig mit einer empfindlichen Geldstrafe rechnen. Was wird aus einem Land, dessen Männer sich über ihre Potenz definieren?
Der Italiener an sich - in unseren Köpfen ist er ein einziges Klischee. Am liebsten hat er seine Großfamilie um sich. Er sitzt unter einem knorrigen Olivenbaum an einer meterlangen Tafel, die sich unter Rotweinflaschen und Schüsseln mit dampfender Pasta biegt. Sein Leben verbringt er zu einer Hälfte auf einer Vespa, zur anderen in Cafeterias - zumindest behaupten das Werbespots für Espressi und Aperitifs, die das vermeintliche italienische Lebensgefühl zelebrieren.
Die italienischste aller Gesten spricht für sich.
(Foto: iStock)Nichts ist dem Italiener so lieb und teuer wie seine Mama. Nichts - bis auf seine Manneskraft. Zweifelt jemand seine Potenz an, verliert er sofort jeden Sinn für Humor. Womit wir zur Realität kommen.
Will man die Seele des italienischen Mannes bis ins Mark erschüttern, so muss man ihm gegenüber nur andeuten, dass ihm im Schritt womöglich etwas Entscheidendes fehlt. So erging es einem Mann in Süditalien, der - ausgerechnet von einem Verwandten und dann auch noch an seinem Arbeitsplatz! - derart bloßgestellt wurde: In einer hitzigen Debatte vor Gericht musste sich der Anwalt namens Vittorio von seinem Cousin Alberto, einem Friedensrichter, vorhalten lassen, er habe "keine Eier in der Hose". Das Ganze fand passenderweise auch noch vor Gericht in Potenza statt, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.
Der Ausdruck "Non hai le palle" ist zweifellos die übelste Beleidigung, die man einem Italiener an den Kopf werfen kann - spricht sie ihm doch einen wesentlichen Bestandteil seiner Identität ab: Bis Ende vergangenen Jahres galt "Bunga Bunga" in Italien schließlich als staatlich anerkannte Freizeitbeschäftigung. Das Land wurde von einem Ministerpräsidenten regiert, der sich von seinem Leibarzt öffentlich eine "enorme Potenz" bescheinigen ließ.
Anzeige
Ist Charakterschwäche männlich?
Ein Italiener, dem man seine Eier abspricht, ist nicht mehr er selbst. Man kann mit ihm keinen Espresso, keinen Cinzano und schon gar keinen Ferrari bewerben. Bestenfalls Wattepads. Oder Futter für Meerschweinchen.
Derartige Angriffe unterhalb der Gürtellinie sind deshalb künftig bei Strafe verboten, das wurde jetzt höchstrichterlich entschieden. Abgesehen davon, dass der Ausdruck vulgär sei, habe er auch eine beleidigende Komponente, begründete der Oberste Gerichtshof in Rom sein Urteil. "Er bezieht sich nicht nur auf einen Mangel an sexueller Potenz, sondern auch auf Charakterschwäche, Mangel an Entschlossenheit und Kompetenz". Offenbar störte sich der Richter auch an der sexistischen Konnotation: Das seien Eigenschaften, die, "zu Recht oder zu Unrecht, immer noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden", schrieb Richter Maurizio Fumo.
Beeindruckt nimmt Europa zur Kenntnis, dass Italien das männliche Monopol auf die Attribute "charakterschwach" und "inkompetent" zugunsten der Gleichberechtigung abschaffen will. Schade nur, dass die Italienerinnen das Privileg kaum zu schätzen wissen werden. Doch bleiben wir im Bilde: Müssen wir damit rechnen, dass künftig auch ein genervtes "Non mi romperre le palle" ("Geh mir nicht auf den Sack") kriminalisiert wird, mit der Begründung, das sei nicht nur beleidigend, sodern eine typisch männliche Eigenschaft? Was, wenn den Italienern nun die Beschimpfungen ausgehen, weil sie alle irgendwann als vulgär, sexistisch oder inhuman gelten?
Angenommen, auf der Piazza Venezia im Zentrum Roms kommt es zu einer Kollision. Zwei Männer steigen aus und eröffnen die Konversation mit dem üblichen "Che vuoi?" (Was willst du eigentlich von mir?). Es folgt das Zusammenpressen der Fingerspitzen zu einer Knospe, locker aus dem Handgelenk geschlenkert. Und dann? Soll man zum Angriff übergehen mit einem hilflos wirkenden "Deine Mutter kann nicht kochen"? Dafür würde man bestenfalls ein müdes "Und dein Olivenöl schmeckt nach Kuhpipi!" ernten. Zur Wahl stünde noch die Phrase "Du hast Berlusconi gewählt!", wobei man höchstens mit einem lächerlichen Gegenschlag im Sinne von "Deine Espressomaschine pfeift aus dem letzten Loch!" rechnen dürfte.
Jetzt mal ehrlich: Das macht doch keinen Spaß. Da kann man ja gleich den Mund wieder zuklappen, einsteigen und weiterfahren. Könnte allerdings sein, dass man sich hinterherrufen lassen muss, dass man keine - na ja, Sie wissen schon - hat.
Welche Strafe der Friedensrichter Alberto seinem Cousin Vittorio zahlen muss, wird der Richter erst noch entscheiden. Es könnte aber durchaus sein, dass Alberto nicht einmal ungern in die Tasche greift. Es gibt eben Situationen, da muss man die Dinge einfach beim Namen nennen.