Interview zum Welttag des Baumes Hippies, die für Wälder vögeln

Sex haben und Gutes dabei tun: Das ist das Credo der Naturschutzorganisation "Fuck for Forest".

(Foto: dpa)

Grüne Pornografie: Die Berliner Naturschutzorganisation "Fuck for Forest" sammelt mit Erotikbildern und -filmen Spenden für südamerikanische Aufforstungsprojekte. Was absurd klingt, nehmen diese Großstadthippies ziemlich ernst.

Von Lena Jakat

"Fuck for Forest" ist eine Umweltschutzorganisation, die tut, was der Name verspricht: Sie produziert naturbelassene, teils recht krude, Pornografie und sammelt so im Netz Geld für nachhaltige Forstwirtschaft in Ecuador oder Costa Rica. Seit 2006 ist das Kollektiv - über das derzeit eine Dokumentation in britischen Kinos läuft - im Berliner Stadtteil Friedrichshain ansässig. Dort lebt der norwegische Gründer der Gruppe, Tommy Hol Ellingsen, mit einem Dutzend Mitstreiter das Kommunen-Leben eines Hippies, Performance-Künstlers, Tänzers, Sängers, Philosophen. Und obgleich er stets betont, wie viel Spaß er bei dem Projekt hat, ist es ihm ernst mit dem Sex für die Bäume. Sehr ernst. Anlässlich des Welttag des Baumes: ein Gespräch über Sex, die Natur und die Pornoindustrie.

Süddeutsche.de: Herr Ellingsen, Sie haben also gerne Sex im Wald?

Tommy Hol Ellingsen: Ich mag den Wald, die Geräusche der Bäume und der Natur, den Wind - wenn es keine Moskitos und Ameisen dort gibt. Aber Sex genießt man am besten dort, wo es spontan dazu kommt. Wenn es in einer Wohnung passiert und man erst mal raus in die Wälder fährt, kann man unterwegs die Energie verlieren. Wenn die sexuelle Energie da ist, ist der Ort egal.

Wie sind Sie denn dann auf die Idee gekommen, "Fuck for Forest" (FFF) zu gründen?

Sex ist Natur. Doch die Menschen haben die Verbindung zu ihr verloren. Sie haben sich und ihren Körper aus der Natur herausgenommen, anstatt zu erkennen, dass sie selbst ein Teil davon sind. Überall sehen wir Zeichen von Zerstörung und Verschmutzung: Autos, Fabriken, den ganzen Scheiß. Daran haben wir uns gewöhnt, das ist für uns total normal. Gesellschaftliche Moralvorstellungen haben uns jedoch so weit gebracht, den Anblick eines menschlichen Körpers als störender und hässlicher zu empfinden als die Zerstörung der Umwelt.

Sie sammeln mit Sex Geld für den Umweltschutz. Porno und Naturschutz haben auf den ersten Blick ja nicht besonders viel gemeinsam.

Warum nicht?

Na ja, Pornofilme und ihre Darsteller sind meist sehr inszeniert und künstlich - mit Natur hat das ja oft nur wenig zu tun.

Genau dagegen wollten wir ein Zeichen setzen. Pornografie ist Kommerz. Wir dagegen sind eine Gruppe von Leuten, die das Konzept Sexualität sehr interessant finden, die gerne selbst experimentieren und es schade finden, dass Sex fast nur im künstlichen Umfeld von Pornografie zu sehen ist. Wir wollen Menschen zeigen, die aus Spaß und Experimentierfreude heraus Liebe machen. Die Aufmerksamkeit nutzen wir für etwas, das uns wichtig ist: Umweltschutz.

Also machen Sie eine Art "Fair Trade Porno"?

Das würde ja bedeuten: man fährt nach Asien, findet dort jemanden, der gerne Pornos drehen will, aber nicht kann, weil er massiv unterbezahlt ist. Anschließend bezahlt man ihm dasselbe Gehalt, das Darsteller in Europa bekommen - ohne, dass Produzenten und Händler so viel verdienen wie sie es normalerweise tun. Bei uns wird keiner für sein Engagement bezahlt.

Aha. Und wie muss man sich das vorstellen?

Was die Leute bei uns zu sehen bekommen, ist kein normaler Porno, sondern eher eine Naturdokumentation. Die Energie und den Ausdruck der Menschen auf unseren Bildern bekommt man in kommerziellen Filmen nicht zu sehen.

Wie genau funktioniert das Fundraising?

Wir machen Performances, haben Infostände. Hauptsächlich sammeln wir über die Webseite, auf der wir und unsere Unterstützer erotische Videos und Bilder anbieten. Mehr als 3000 Leute haben dort schon mitgemacht. Wer das Material sehen will, schließt ein Abo ab. Das Geld - jährlich kommen bis zu 100.000 Euro zusammen - spenden wir ökologischen Projekten.

Welchen zum Beispiel?

Zuletzt haben wir ein Permakultur-Projekt in Peru unterstützt. Eine Gemeinde wollte ein Stück Land wieder aufforsten. Die Bauern aus der Gegend sollen so lernen, nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben. Wir haben auch schon Projekte in Brasilien, Ecuador oder Costa Rica unterstützt.

Wie reagieren eigentlich südamerikanische Bauern auf FFF?

Als wir zum ersten Mal in Ecuador waren, hätten wir uns das viel einfacher vorgestellt. Damals waren wir naiv, aber wir haben in den vergangenen Jahren viel gelernt. Mit Einheimischen, vielleicht sogar mit Urvölkern zu arbeiten, die ihre eigene Kultur schon verloren haben, ist schwierig. Besonders, wenn wir aus Europa dahinkommen, ohne kulturell am Puls zu sein, ohne die örtliche Historie wirklich gut zu kennen. Da sind dann unsere Partner vor Ort gefragt.

Und wie begegnen Ihnen die Berliner?

Die normale, arbeitende Bevölkerung hier ist recht offen, was Sex angeht. Wir haben eher Probleme in der politischen Szene. Die linken Aktivisten sind da sehr gespalten: Die einen mögen uns, die anderen lehnen uns ab. Pornografie hat in dieser Szene einen schlechten Ruf: Sie beutet Menschen aus und unterdrückt Frauen. Manchmal werden wir mit in diese Schublade gesteckt - obwohl es uns gerade auch um Emanzipation der weiblichen Sexualität geht.

Manche sagen, Sie würden den Naturschutz nur als Ausrede nutzen, um viel und öffentlich Sex zu haben.

Sex ist nicht schlecht, Spaß am Sex ist nicht schlecht, also glaube ich auch nicht, dass es schlecht ist, mit Spaß am Sex eine gute Sache zu unterstützen. Wenn man die Möglichkeit hat, etwas auf eine erfreuliche Weise zu tun, warum sollte man es auf die langweilige Art machen? Außerdem ist Sex ja nicht das oberflächliche Thema, als das es oft hingestellt wird. Sex beeinflusst uns psychologisch und sozial auf so vielfältige Art und Weise.

Ist FFF jetzt ein Projekt, ein Job oder ein Lebensentwurf?

Als meine Freundin Leona Johansson und ich FFF gründeten, wollten wir neue Ausdrucksweisen finden und mit freier Liebe experimentieren. Es ist ein ständiges Forschungsprojekt unserer eigenen Moralvorstellungen und Schamgrenzen - und ein fester Teil unseres Lebens. Wenn ich unsere Webseite betreue, am Computer arbeite, habe ich da nicht immer Lust drauf. Sexuell tun wir nur, wonach uns ist. Wir arbeiten mit Leuten, mit denen wir uns natürlich verbunden fühlen. Wir unterscheiden nicht nach Freunden, Geliebten oder Arbeitskollegen. Es ist alles ein Leben.

Linktipp: Sehen Sie hier eine Video-Rezension der FFF-Dokumentation bei den britischen Kollegen des Guardian.