Interview: Sarina Pfauth

Helmut Brox, obdachlos seit 24 Jahren, betreibt eine Website mit Tipps für das Leben auf der Straße. Ein Gespräch über Misstrauen und darüber, was den Armen im Land wirklich helfen würde.

Helmut Richard Brox lebt seit 24 Jahren auf der Straße. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er abwechselnd in Heimen, bei Pflegeeltern und seiner leiblichen Familie. Gewalterfahrungen gehörten schon früh zu seinem Leben. Vor einigen Monaten wurde Brox auf der Straße im Schlaf von Jugendlichen überfallen und schwer an der Wirbelsäule verletzt. Mit den gesundheitlichen Folgen kämpft er immer noch. Richard Brox ist 46 Jahre alt und betreibt eine Website, auf der er Tipps für Obdachlose gibt und Adressen von Anlaufstellen für Menschen in Not sammelt. Ein Gespräch.

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"Da muss man helfen. Fertig, aus.": Helmut Richard Brox hat auf www.ohnewohnung-wasnun.de viele Tipps für obdachlose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen zusammengestellt. (© privat)

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sueddeutsche.de: Herr Brox, Sie betreiben eine Webseite für Obdachlose. Wie kommen denn Menschen ohne Wohnung an einen Computer?

Helmut Richard Brox: Von zehn Berbern, also Langzeitobdachlosen, waren vier noch nie online, würde ich sagen. Von den restlichen sechs gehen drei mehr oder weniger regelmäßig ins Internet und die anderen drei sind ständig online. In vielen Büchereien und Obdachloseneinrichtungen kann man umsonst surfen. Oder man fragt einen Sozialarbeiter, ob man an seinem Computer Mails checken darf. Wer online gehen will, kann das auch.

sueddeutsche.de: Wie haben Sie gelernt, eine Internetseite zu gestalten?

Brox: 1999 war ich in Berlin bei einer Notübernachtung. Tagsüber musste man da raus. Es war ein Sonntag im Herbst, und es hat in Strömen geregnet, ich war pudelnass. Ich hatte nur vier Mark bei mir und habe mir überlegt, wo ich mich schnell trocknen lassen kann. In der Nähe vom Ku'damm gab es ein riesiges Internetcafé, da hab ich gelesen: Eine Stunde Internet - eine D-Mark. Dann habe ich entschieden, mich da für drei Mark drei Stunden reinzusetzen, weil ich dachte: Danach bist du dann wieder trocken.

sueddeutsche.de: Und da drin haben Sie sich alles selbst beigebracht?

Brox: Der junge Kerl hinterm Tresen hat mir ein Terminal zugewiesen, aber ich habe ihm gleich gesagt: Ich kenne mich da überhaupt nicht aus. Er meinte dann, ich soll mich mal nach hinten zu einer Gruppe Jungs setzen, die würden mir das schon erklären. Plötzlich war ich mitten im Kreis vom Chaos Computer Club Berlin. Ich hatte Glück, weil die haben mir beigebracht, wie man E-Mails schreiben kann und so. Wenn ich später nicht weiterwusste bei Computerproblemen, durfte ich denen immer mailen. Mittlerweile bin ich geübt und schreibe sogar Mehrfingersystem. Manchen Berberkollegen gebe ich inzwischen auch Computerunterricht, und manchmal fragen mich auch Sozialarbeiter.

sueddeutsche.de: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Webseite für Obdachlose zu gestalten?

Brox: In den über 20 Jahren, die ich jetzt auf der Straße lebe, haben mir viele Menschen geholfen. Ohne die würde ich heute vielleicht gar nicht mehr leben. Als Dank hierfür wollte ich etwas zurückgeben. Deshalb organisiere ich als Betroffener eine Art Selbsthilfeforum. Um anderen zu zeigen, dass es Wege aus der Not heraus gibt. Dass man sich selbst ein bisschen auf die Beine stellen muss, um da rauszukommen. Ich habe mich damit aber auch etwas in die Nesseln gesetzt.

sueddeutsche.de: Warum denn?

Brox: Manche werfen mir Verrat vor. Es ist so, dass man nicht jedem auf der Straße sagt, was man weiß. Nur denen, die einem sympathisch sind. Ich wollte aber etwas für alle machen, auch wenn es auf der Straße viele gibt, die ich nicht mag, manche meide ich sogar. Aber wenn man anderen helfen kann, dann muss man das auch tun. Deshalb habe ich dieses Schweigen gebrochen und Insiderwissen preisgegeben. Ich habe mir damit schon Feinde gemacht. Aber es gibt auch viele, die das Gegenteil sagen.

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