Nächste Szene: Ein Restaurant in Hamburg. Ein Mädchen, 8 Jahre, das mit seinen Eltern dort isst, lernt ein gleichaltriges Mädchen k ennen. Die beiden verstehen sich blendend. Nur schade, dass das eine Mädchen im Rheinland wohnt. Die Hamburgerin gibt der Rheinländerin eine Telefonnummer, sagt: "Wenn du das nächste Mal mit deinen Großeltern in Hamburg bist, kannst du dich ja melden." Die Rheinländerin sagt: "Das sind meine Eltern." Iris Radisch, die selbst mit 36 zum ersten Mal Mutter wurde, erforscht in ihrem Buch die Gründe für die späte Elternschaft. Sie schreibt: "Es war kein Egoismus, sondern eine Mischung aus fi nanzieller Unselbstständigkeit, kindlichen Versorgungsansprüchen, alltäglicher Lebensunfähigkeit und allgemeiner Spintisiererei."
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SZ Kinderleben: Was hat diese Generation so lebensuntüchtig gemacht?
Radisch: Der große Wohlstand. Der hatte natürlich auch viele Vorteile. Es war ein ungeheures Privileg, sich so intensiv mit Dingen beschäftigen zu können. Ich möchte diese Studienzeit nicht missen. Ich will nur erklären, warum wir so geworden sind und zum Teil keine Kinder mehr bekommen haben.
Dritte Szene: Glückliches Paar, beide sind Mitte dreißig, leben schon ein paar Jahre zusammen und werden bald heiraten. Sie sind erfolgreich im Beruf, verdienen genug für italienisches Design, Bademäntel von Versace, Abendessen außer Haus. Ungefähr vier Monate im Jahr steht ihre Wohnung leer, da sind beide verreist, fast immer berufl ich. Sie wünschen sich Kinder, das ist ganz sicher, sie wissen nur noch nicht, wann.
SZ Kinderleben: Sind Paare heute, wie die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim meint, in einer Planungsfalle?
Radisch: Man hat schon das Gefühl, dass die jüngeren Leute nicht so einfach etwas ausprobieren. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, weil sie glauben, sie sind es sich und anderen schuldig, die Kontrolle zu behalten. Und sicher stimmt es: Aus der Entscheidungsfreiheit ist eine Pflicht geworden, eine Entscheidung zu treffen, die von der Gesellschaft goutiert wird.
SZ Kinderleben: Eine Mutter von 19 Jahren fällt aus der Norm. Da schauen die Leute, als wollten sie sagen: Musste das passieren?
Radisch: So ähnlich war das bei mir beim dritten Kind. Da dachten auch viele, das wäre keine Absicht gewesen. Drei Kinder entsprechen dem Zweckdenken ganz und gar nicht.
Szene vier: Die Patchworkfamilie. Die Mutter lebt mit dem Kind aus der ersten Beziehung (18), mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn (12) in einem Haus, in dem auch der Vater ihres ersten Kindes mit seiner neuen Familie lebt: Ehefrau, Tochter (13), Sohn (8). Beide Familien teilen sich einen Kombi, Weihnachten pendelt man zwischen zwei Wohnungen. Der große Sohn kann sich je nach Laune entscheiden: zwischen seinem leiblichen Vater und seinem Stiefvater. Klingt perfekt.
SZ Kinderleben:Frau Radisch, Sie stehen den neuen Familienformen ziemlich kritisch gegenüber.
Radisch: Nein, ich finde nur nicht, dass alle gleich bunt und lustig sind. Ich habe drei Familienformen erlebt, die klassische, die alleinerziehende und jetzt Patchwork. Ich finde nicht, dass alles easy ist.
SZ Kinderleben: Was spricht gegen Patchwork?
Radisch: Meine Töchter vermissen ihren Vater. Sie artikulieren das nicht so, aber man merkt es. Das ist ein Schmerz, den die dritte Tochter nicht hat.
SZ Kinderleben: Sie sagen, man sollte sich prüfen, bevor man auseinandergeht - und fordern, Verantwortung für Kinder zu übernehmen.
Radisch: Ich finde, manche machen es sich heute zu leicht und gehen einfach weg. Dann haben sie neue Beziehungen und diese neuen Beziehungen wirken nach kurzer Zeit genau wie die alten, es geht um Nuancen. Das hätten sie den Kindern nicht antun müssen.
SZ Kinderleben: Glauben Sie, dass die Menschen heute zu viel von der Liebe erwarten?
Radisch: Nein, das geht ja gar nicht. Von der Liebe kann man nicht genug erwarten. Die Liebe ist das Tiefste, was es gibt. Aber ich glaube, viele Leute erwarten das Falsche von der Liebe. Eine Art Wellness-Liebe. Im kapitalistischen Warenaustausch werden alle Bedürfnisse befriedigt. Heute hört es sich manchmal so an, als hätte man im konsumistischen Sinn als Liebes-Endverbraucher eine bestimmte Portion Glück verdient. Das kann nicht funktionieren. Dann braucht man ewig neue Ware..
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Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
(SZ Kinderleben 1/2007)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Herzlichen Glückwunsch zu dem Interview mit Frau Radisch. Manchmal ist es sehr entlastend in der Familien- und Frauenfrage ein wenig mehr Erfahrung und weniger Ideologie zu lesen. Ansonsten ist es Ihnen gelungen fast ein gesamtes Heft zu Thema Familie zu machen, das vor journalistischer Selbstbespieglung nur so strotzt. Da wird der selbstreferenzielle Blick in das eigene Milieu nur zu schnell mit gesellschaftlicher Realität verwechselt. Journalisten schreiben über Journalistenkinder, -familien, -kinderwagen und nehmen auch gleich die spießigen Nichtjournalisten aufs Korn um sich dann ihre Sicht der Dinge von Journalisten bestätigen zu lassen. Nun mag man sich noch trösten mit einigen prominenten Zeitgenossen in dem Blatt, doch ist der Titel des Magazins zugleich Programm der journalistischen Denke. Kinderleben hört sich noch nach Wackelzahn und Lakritz, Babiepuppe und aufgeschlagenen Knien an, jedoch die Variante Kind erleben auch gern genommen von den Eltern, verändert die Perspektive vollends. Da wird das Kind zu einem eben solchen Lifestile Produkt, zudem das eigene Leben schon verkommen ist. Da ist doch volle Verbraucherkritik gefragt und jede Menge journalistische Ratschläge Lifestile Beratung halt.