Statt der Modellfamilie gibt es viele Familienmodelle. Nicht alle sind bunt und lustig, meint Iris Radisch, Buchautorin und Literaturkritikerin.
Die Mutter zweier Kinder hatte zwei Geschäfte, eines kleiner, eines größer, genau wie bei den Kindern: eines größer, eineskleiner. Abends kam sie nach acht Uhr zu ihren Kindern nach Hause, total kaputtnatürlich. Ein paar Mal schon hatte sie so etwas wie Enttäuschung empfunden: darüber, dass die Kinderfrau die Kinder noch nicht im Bett hatte. Eines Tages, als es wieder so war, die Enttäuschung also wieder in ihr hochkroch und das schlechte Gewissen dazu, befand sie: So konnte es nicht weitergehen. Nun hängt ein Schild an dem großen Laden: zu verkaufen. Und die Bekannte bringt ihre Kinder wieder selbst ins Bett. "Elternschaft ist weiblich. Und Familienschiffbrüche sind seit ein paar Jahrzehnten Legion", schreibt Iris Radisch. "Den meisten Frauen, die ich kenne, ist espassiert. Undsehrviele Männer, die mir begegnen, haben einen Bankdauerauftrag." Radisch, 47, Literaturkritikerin der "Zeit" und Buchautorin, hat drei Kinder von zwei Männern.
Iris Radisch und ihr Buch über die Familie: "Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden.", DVA. (© Foto: dpa)
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SZ Kinderleben: Frau Radisch, Sie sind keine Freundin der Teilzeitarbeit von Müttern. Warum?
Iris Radisch: Es ist die klassische Frauenlösung. Damit verzichten die Frauen auf die Hälfte ihrer Arbeitsstelle, die Hälfte ihrer Rentenansprüche, die Hälfte ihrer berufl ichen Entwicklung und ganz nebenbei auch noch auf die Hälfte ihres Gehalts. Man muss etwas fordern, was die Frauen nicht aus dem Beruf drängt, ihnen die sozialen Sicherheiten nicht nimmt.
SZ Kinderleben: Sie haben mit kleinen Kindern Vollzeit gearbeitet und fanden das nicht ideal.
Radisch: Weil es keine Vereinbarkeit von Beruf und Kindern gibt, sondern nur etwas zu addieren. Ich habe erfahren, wie es ist, alles machen zu müssen. Es war extrem, aber es geht ja irgendwie immer. Ich war noch Jahre danach davon erschöpft.
SZ Kinderleben: Ist die Erschöpfung jetzt wieder weg?
Radisch: Ich fühle mich wieder ausgeschlafen. Meine Kinder sind elf, neun und fünf Jahre alt.
SZ Kinderleben: Ist die Erschöpfung der Preis, den vor allem die Frauen zahlen?
Radisch: Meistens, aber ich habe auch schon Väter gesehen, die denselben Preis bezahlen. Diese Eltern sind an der Grenze, kurz vor dem Zusammenbruch, auch wenn man ihnen das nicht ansieht. Die Familiensituation ist die schwierigste, die wir - bis auf die Klimakatastrophe - überhaupt zu meistern haben. Es ist mörderisch, was wir gerade machen. Und dann ärgert es mich, wenn Männer meinen, dem Problem mit dem Appell an die "Natur der Frau" begegnen zu können. Ebenso ärgert mich die Gegenpropaganda von Frauen, die alles so toll auf die Reihe kriegen. Die Frau Generalanwältin mit sieben Kindern und alles läuft super. Das glaube ich nicht.
SZ Kinderleben:Wollten Sie immer Kinder haben?
Radisch: Ja. Eigentlich war ich mir immer sicher, obwohl ich nie etwas geplant habe. Mein Leben war voll mit Ausbildung, mit Arbeit, doch eines Tages kam das Gefühl, das kann nicht alles sein. Und da war das Kinderkriegen dran, weil es zum Leben gehört wie das Sichverlieben, das Atmen und das Sterben.
SZ Kinderleben: Als Sie jung waren, gab es da einen Lebensentwurf, den Sie gut fanden?
Radisch: Es gab keine Vorbilder. Wir waren und sind auf der ewigen Suche nach unserer Rolle. Wir haben uns treiben lassen, haben wenig defi niert oder refl ektiert. Die Entscheidung, Kinder zu haben, ist die einzige, die ich getroffen habe. Den Rahmen dazu habe ich mir nicht überlegt, ich habe gehofft, der stellt sich dann schon ein. Das war sehr blauäugig. Erst als ich das Buch schrieb, habe ich Distanz zu meinem eigenen Leben hergestellt. Und mir ist klar geworden, dass wir keine historischen Vorbilder haben.
SZ Kinderleben: Der Vater Ihrer beiden älteren Töchter ist vor der Geburt der zweiten weggegangen. Es muss bitter sein festzustellen, dass die Beziehung, die man lange hatte, die Kinder nicht überlebt.
Radisch: Man hört das häufig. Gerade wenn eine Beziehung ohne Kinder so lange gut war, aber auf ihre Art eingefahren, funktioniert sie nicht mit Kindern. Wir waren ein bisschen wie auf einer Isolierstation. Ich kannte nur Leute meines Schlags: kinderlos, hochspezialisiert, die auf Matratzen schliefen, über Platon diskutierten und ewig Kind blieben.
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Herzlichen Glückwunsch zu dem Interview mit Frau Radisch. Manchmal ist es sehr entlastend in der Familien- und Frauenfrage ein wenig mehr Erfahrung und weniger Ideologie zu lesen. Ansonsten ist es Ihnen gelungen fast ein gesamtes Heft zu Thema Familie zu machen, das vor journalistischer Selbstbespieglung nur so strotzt. Da wird der selbstreferenzielle Blick in das eigene Milieu nur zu schnell mit gesellschaftlicher Realität verwechselt. Journalisten schreiben über Journalistenkinder, -familien, -kinderwagen und nehmen auch gleich die spießigen Nichtjournalisten aufs Korn um sich dann ihre Sicht der Dinge von Journalisten bestätigen zu lassen. Nun mag man sich noch trösten mit einigen prominenten Zeitgenossen in dem Blatt, doch ist der Titel des Magazins zugleich Programm der journalistischen Denke. Kinderleben hört sich noch nach Wackelzahn und Lakritz, Babiepuppe und aufgeschlagenen Knien an, jedoch die Variante Kind erleben auch gern genommen von den Eltern, verändert die Perspektive vollends. Da wird das Kind zu einem eben solchen Lifestile Produkt, zudem das eigene Leben schon verkommen ist. Da ist doch volle Verbraucherkritik gefragt und jede Menge journalistische Ratschläge Lifestile Beratung halt.