Interview: Frauke Lüpke-Narberhaus

Wassilios Fthenakis über Qualität in der Kita und wie Vätern und Müttern der Drahtseilakt zwischen Beruf und Kindern gelingen kann

sueddeutsche.de: Herr Fthenakis, immer mehr Eltern wollen oder müssen Beruf und Kind zu vereinen. Wirkt sich dieser Spagat zwischen Kind und Job negativ auf die Beziehung zwischen Eltern und Kind aus?

Wassilios Fthenakis

Familienforscher Wassilios Fthenakis (© privat)

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Wassilios Fthenakis: Die Erwerbstätigkeit der Eltern beeinträchtigt nicht die Eltern-Kind-Beziehung. Im Gegenteil: Wenn erwerbstätige Mütter zufrieden und glücklich mit ihrer Erwerbstätigkeit sind, dann neigen sie dazu, sich abends intensiver mit dem Kind zu beschäftigen.

Und dies wiederum reicht aus, um eine qualitativ ebenso gute Beziehung zu dem Kind zu erhalten wie eine Mutter, die tagsüber Zuhause bleibt. Insofern beeinträchtigt die Erwerbstätigkeit der Eltern weder die kindliche Entwicklung noch die Eltern-Kind-Beziehung.

sueddeutsche.de: Vater und Mutter arbeiten - vielleicht in Schichtarbeit, einer Bäckerei, als Krankenschwester. Irgendjemand muss sich aber um das Kind kümmern. In Berlin ist es so weit gekommen, dass einige Kitas schon um 5 Uhr morgens Kinder aufnehmen. Wo liegen die Grenzen in der Kinderbetreuung?

Fthenakis: Der natürliche Lebensrhythmus der Kinder sollte dabei in jedem Fall berücksichtigt werden. Außerdem ihre Rechte, Interessen und Bedürfnisse. Wenn ein Kind um fünf Uhr morgens zur Kita gebracht wird, dann ist das eine Zumutung für das Kind.

Hier müssen die Wirtschaft und die Arbeitswelt reagieren, damit das Kind zu einer angemessenen Zeit in die Kita gebracht wird. Angemessen - das heißt für mich acht Uhr. Das ist der früheste Zeitpunkt, zu dem ein Kind zur Kita gebracht werden sollte. Letztlich ist aber nicht die Zeit ausschlaggebend. Viel entscheidender ist die Qualität dessen, was in der Kita geboten wird.

sueddeutsche.de: Wenn die Betreuung also gut ist, dann leidet das Kind nicht unter den extremen Betreuungszeiten?

Fthenakis: Das können wir nicht mit absoluter Sicherheit sagen. Wenn das Kind sich aber in der Kita ausruhen kann und wenn die Erzieherin einfühlsam und sehr gut ausgebildet ist, dann kann diese extreme Betreuungszeit kompensiert werden.

sueddeutsche.de: Nun ist die Qualität der Kindergärten in Deutschland nicht herausragend...

Fthenakis: Das ist richtig. Die Kindergärten in Deutschland sind durchaus verbesserungsbedürftig. Wir brauchen besser ausgebildetes Personal, wir brauchen kleinere Gruppen und wir brauchen mehr Investitionen auf diesem Gebiet. Wir investieren nicht einmal die Hälfte von dem, was die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung empfiehlt.

In den Krippen brauchen wir außerdem ein Bildungskonzept, denn das gibt es bislang noch gar nicht. Es gilt: Je jünger das Kind, desto besser muss die Qualität der Erziehung sein. Wir müssen die Erzieher sehr genau und qualitativ sehr hochwertig fortbilden.

sueddeutsche.de: Das wird bislang nicht getan?

Fthenakis: Nein. Das erforderliche Wissen kann man nicht erwerben, wenn man mit 15 Jahren die Ausbildung zum Erzieher beginnt, die auf formal niedrigem Niveau organisiert ist, und danach keine Chancen mehr für Fort- und Weiterbildung bekommt.

sueddeutsche.de: Was hat das Kind davon, wenn die Erzieherin top ausgebildet ist?

Fthenakis: Das Kind hat dadurch bessere Bildungschancen. Der Kindergarten ist aber natürlich keine Schule. Wenn kleine Kinder "Kaufladen" spielen, dann könnten Erzieher die Kinder anregen, sich Gedanken zu machen: Was geschieht wohl nach dem Kaufen mit dem Geld?

So können Kinder spielend lernen, dass es zum Beispiel einen Geldkreislauf gibt. Jedenfalls kann heute ein Modell entworfen werden, von dem alle profitieren: die Familie und insbesondere die Kinder.

sueddeutsche.de: Wie sähe dieses Modell aus?

Fthenakis: Zum einen verspricht die neue Initiative der Bundesregierung eine Verbesserung. In den nächsten fünf Jahren sollen für ein Drittel der Kinder unter drei Jahren Betreuungsplätze bereit gestellt werden. Damit hätten wir schon einen Riesenschritt getan.

Vor allem aber muss die Gesellschaft ihre Haltung ändern. Die Menschen sollten endlich einsehen, dass sie es nicht verteufeln müssen, wenn Kinder außerhalb der Familie betreut werden. Wenn die Erzieher ihre Schützlinge qualitativ hochwertig betreuen, dann kann es für die Kinder ein Gewinn sein.

Wassilios Fthenakis (70) ist Professor für Enwicklungspsychologie an der Freien Universität Bozen. Er ist spezialisiert auf frühkindliche Pädagogik und arbeitet für das Familienministerium und das Bundesverfassungsgericht als Sachverständiger.

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