Von Titus Arnu

Hans-Georg Joost, Direktor des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam, über die Folgen des modernen Essverhaltens für die Gesundheit des Menschen.

Das Deutsche Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIFE) untersucht die Ursachen ernährungsbedingter Erkrankungen und entwickelt Strategien für eine bessere Prävention. Das Institut konzentriert sich auf den Zusammenhang von Ernährung mit Fettleibigkeit, Diabetes und Krebs. Ein Gespräch mit Hans-Georg Joost, dem wissenschaftlichen Direktor des DIFE, über die Folgen des modernen Essverhaltens für die Gesundheit des Menschen.

Hans-Georg Joost; dpa

Wir wissen immer mehr über Ernährung und essen dennoch nicht vernünftig. Ernährungsforscher Hans-Georg Joost ist trotzdem nicht frustriert. (© Foto: dpa)

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SZ: Die Auswahl an gesunden Lebensmitteln ist größer als je zuvor - und dennoch ernähren sich die Menschen immer schlechter, wie die Nationale Verzehrstudie zeigt. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Joost: Zunächst einmal muss man sagen, dass Ernährungsgewohnheiten stabil sind. Daraus schließen viele Wissenschaftler, dass die Nahrungsauswahl biologische Grundlagen hat, die tief in den Genen verankert sind - und die auch heute noch funktionieren. Der Körper holt sich die Mengen an Fett, Proteinen und Kohlehydraten, die er braucht.

SZ: Das heißt vereinfacht, der Körper sollte eine gesunde Ernährung von alleine regeln können?

Joost: Unbewusste Mechanismen sorgen in erster Linie für eine ausreichende Versorgung mit Energie und Proteinen. Der Organismus registriert, was er bekommt, und wenn ihm etwas fehlt, fordert er es normalerweise an. Hierdurch wird vor allem ein bestimmter Füllungszustand der Fettspeicher verteidigt, was aber bei einer Abweichung des Systems nach oben ungesund werden kann.

SZ: Wie funktioniert das?

Joost: Über Botenstoffe im Gehirn. Man weiß heute, dass im Fettgewebe ein Hormon gebildet wird: das Leptin, das dem Gehirn den Füllungszustand der Fettspeicher anzeigt. Ähnliche Systeme gibt es wohl für den Blutzuckerspiegel und wahrscheinlich auch für Fettsäuren.

SZ: Und diese Systeme funktionieren bei manchen Menschen nicht mehr?

Joost: Bei gesunden Menschen, die sich ausreichend bewegen, reguliert sich die Nahrungszufuhr von alleine so, dass sie nicht drastisch zu- oder abnehmen. Das ist ein sehr genaues biologisches Regelsystem. Die Stellgrößen dieses Systems sind aber anscheinend abhängig von der Qualität der Nahrung und von unserer körperlichen Aktivität.

SZ: Nach der aktuellen Verzehrstudie sind 51 Prozent der Frauen und zwei Drittel der Männer übergewichtig. Irgendetwas scheint da doch schief zu laufen?

Joost: Unser Essverhalten hat sich insofern verändert, dass wir weniger Ballaststoffe und mehr hochkalorische Lebensmittel zu uns nehmen als noch vor 30 Jahren. Durch die erhöhte Kaloriendichte werden die Sättigungsmechanismen weniger wirksam.

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