"Der Körper reagiert immer auf seelische Belastungen", sagt Psychosomatik-Experte Michael Ermann.
Wohlfühlen: Wie viele Krankheiten sind denn heutzutage psychisch verursacht oder beeinflusst?
Professor Michael Ermann leitet die Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik der Psychiatrischen Klinik der Ludwig- Maximilians-Universität München. (© )
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Ermann: Das wird seit Mitte der Fünfzigerjahre in westlichen Industriestaaten empirisch untersucht. Demnach leiden etwa 20 Prozent der Bevölkerung, also jeder Fünfte, an psychogen beeinflussten Störungen. Bei etwa der Hälfte dieser Menschen äußert sich das in psychischen Symptomen, bei der anderen Hälfte in körperlichen. In der Großstadt sind es etwas mehr, auf dem Lande weniger. Und was sind die häufigsten Störungen?
Ermann: Herz- und Kreislaufbeschwerden, Magen- Darm-Probleme und Schmerzen.
Wohlfühlen: Kann man auch sagen, was die häufigsten Ursachen sind?
Ermann: Der größte Teil dieser psychogenen Krankheiten wird durch Partnerschaftsprobleme ausgelöst - Trennungen, tiefe Kränkungen, Verletzungen, aber auch durch Probleme im Beruf. Da brechen oft alte Wunden wieder auf oder es spielen frühe Erfahrungen eine Rolle.
Wohlfühlen: Und dann rebelliert der Körper?
Ermann: Wenn man Angst hat, rast das Herz, wenn man traurig ist, kann man nicht schlafen - der Körper reagiert immer auf die eine oder andere Weise. Dass man das so strikt trennt in seelische und körperliche Symptome ist ein Kulturerwerb aus jüngerer Zeit - seit etwa 1850 ist die Medizin eine fast reine Naturwissenschaft. Diese Trennung ist ziemlich problematisch.
Wohlfühlen: Frauen reagieren bekanntlich anders als Männer, ist das immer noch so?
Ermann: Ja. Männer stellen in unserer Kultur immer noch den Körper in den Vordergrund, der einfach nicht mehr so funktioniert wie gewünscht. Frauen sagen viel eher: Ich bin depressiv. Bei allen Fortschritten in der Erziehung, die man anerkennen muss, meinen Männer immer noch, den Helden spielen zu müssen.
Wohlfühlen: Aber es ist doch auch nicht jedes Magengeschwür Ausdruck eines inneren Konfliktes, oder?
Ermann: Magengeschwüre können durch Bakterien verursacht werden, richtig. Doch viele Menschen haben dieses Bakterium im Körper und entwickeln kein Geschwür. Warum funktioniert beim einen die Immunabwehr, beim anderen nicht? Die Psychoimmunologie kann den Zusammenhang zwischen seelischen Belastungen und einer geschwächten Abwehr sehr gut nachweisen. Stress und Konflikte schwächen die Abwehr und dann wird man krank.
Wohlfühlen: Bei Herzbeschwerden denke ich eher daran, weniger zu rauchen oder mich mehr zu bewegen.
Ermann: Natürlich, wenn man nachts aufwacht und Herzschmerzen hat, denkt man nicht gleich an seelische Probleme. Doch es gibt noch andere Beispiele: Wir haben immer häufiger mit Patienten zu tun, die nach einer Herz-Operation eine tiefe psychische Krise erleben. Oder Bandscheiben-Patienten, die nach einer erfolgreichen OP über zunehmende Rückenschmerzen klagen. Das sind Menschen, die sich plötzlich invalide fühlen, obwohl ihnen ja gerade mit der OP geholfen wurde. Da kommen dann verdrängte Probleme hoch.
Wohlfühlen: Weil die meisten Fachärzte darüber nicht sprechen wollen oder können, verkaufen sich die Alternativmedizin- Ratgeber so gut.
Ermann: Das sehe ich als durchaus positiv! Sie appellieren ja an die Selbsthilfekräfte und aktivieren Ressourcen: Bewusst leben, auf sein Inneres achten, entspannen, kreativ sein. Das hilft, sein Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Wenn das nicht gelingt, sollte man sich allerdings an einen Arzt oder Psychotherapeuten wenden.
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