Schrebergärten "Kleingärten müssen sich der Stadt öffnen"

Blühende Großstadt: Viele Schrebergärten müssen sich öffnen, um langfristig zu überleben.

(Foto: dpa; Bearbeitung SZ)

Im Frühling zieht es die Städter in die Kleingärten. Doch in vielen Metropolen sind diese bedroht. Viola Kleinau von den Gartenfreunden Pankow e.V. über die Zukunft der Schrebergärten.

Interview von Hannah Beitzer, Berlin

Blumen sähen, Gemüse pflanzen, und das mitten in der Stadt: Kleingärten sind in Deutschlands Metropolen quer durch alle Gesellschaftsschichten beliebt. Doch in Städten wie Berlin oder München, in denen Wohnraum knapp und Flächen begehrt sind, fürchten Schrebergartenvereine um ihre Zukunft. Viola Kleinau, Vorsitzende des Bezirksverbands der Gartenfreunde Pankow e.V. in Berlin, erklärt, warum die Kleingärtner umdenken müssen.

SZ: Frau Kleinau, wird es in Großstädten wie Berlin oder München in zehn Jahren noch Schrebergärten mitten in der Stadt geben?

Viola Kleinau: Da bin ich mir ganz sicher! Kleingärten sind wichtig für die Stadt, als Grünflächen, als Orte der sozialen Bindung, der Bildung und der Erholung. Dennoch: Es gibt in Berlin gerade einen ganz massiven Nutzungskonflikt. Die Stadt und private Investoren suchen überall Flächen für Wohnungen, aber auch für Straßen und Schulen. Da werden natürlich die Kleingartenanlagen ganz genau geprüft. Übrigens nicht erst seit gestern. Wir in Pankow zum Beispiel haben seit 1993 drei Millionen Quadratmeter Kleingartenfläche verloren. Damit sie eine Zukunft haben, müssen die Vereine in vielen Punkten umdenken.

Interview am Morgen

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Inwiefern?

Bisher waren viele Vereine zu sehr für sich. Die Kleingärten müssen sich der Stadt öffnen. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, auf den Gemeinschaftsflächen allgemein zugängliche Streuobstwiesen anzulegen, Lehrpfade zu errichten, Sitzmöglichkeiten für Besucher zu schaffen oder Spielplätze. Aus einer Anlage mit lauter abgeschlossenen Parzellen würde so ein kleiner Park. Wir haben allerdings heute schon eine Reihe von Projekten in unseren Gärten, die auch den Stadtteilen einen Mehrwert bringen.

Welche zum Beispiel?

Zum Beispiel grüne Klassenzimmer für die Schulen aus den anliegenden Stadtteilen. Auch Klimagärten sind in der Stadtplanung groß im Kommen. Da wird besonders großen Wert auf klima- und ressourcenschonendes Gärtnern und eine positive Wirkung des Gartens auf die ganze Stadt gelegt. Umweltbildung spielt hierbei eine große Rolle. Ein weiteres Beispiel: In vielen unserer Anlagen arbeiten inzwischen Imker. Neulich gab es in einer sogar einen Imker-Workshop für Kinder. Sie haben dort den Wabenaufbau gelernt und ihre Angst vor den Bienen verloren. Aber klar, so etwas funktioniert nicht in allen Vereinen. Die Leute müssen das schon wollen.

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Kleingärtner gelten ja als konservativ. Ist es da manchmal schwierig, mit neuen Ideen durchzudringen?

Es gibt einige Anlagen, die nach wie vor ihre Türen vor der Welt verschließen. Es ist schwierig, wenn ein Verein die vergangenen 30 Jahre seit der Wende alles so gemacht hat, wie er wollte - und auf einmal soll er es anders machen. Aber viele unserer Mitglieder unterstützen die neuen Ideen auch. Überhaupt sind unsere Vereine sehr unterschiedlich.

Zu uns kommen Leute aus ganz Berlin, jung und alt, Menschen mit Migrationshintergrund und ohne, Berliner und Zugezogene. Und alle treffen sich im Verein. Wo gibt es das denn sonst noch in der Großstadt? In den Mietshäusern leben die Menschen doch anonym nebeneinander her und sterben oft allein. Kleingärten sind da ein wichtiger sozialer Raum. Und die Leute sehen das auch so! Wir haben gerade allein in Pankow 800 Bewerber für Gärten.

Das Klischee vom deutschen Rentner, der mürrisch über seine Parzelle wacht und sich hinter der Hecke verschanzt, stimmt nicht mehr?

Solche Leute gibt es natürlich auch. Aber eben nicht nur. Ich schreibe die veränderte Stimmung allerdings ungern einem Generationenwechsel zu. Denn tatsächlich gibt es in den Gärten viele Rentner, die die neuen Ideen mit großer Begeisterung mittragen. Gerade, wenn es um die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geht. Aber klar, junge Leute bringen ihre eigenen Akzente mit. Sie organisieren besonders gern kulturelle Veranstaltungen, zum Beispiel Lesungen. Das finde ich eine tolle Idee.

Gibt es etwas, dass Sie als Kleingärtnerin sich von der Politik wünschen?

Dass die Kleingärten nicht nur als Baulandreserve angesehen werden. Sondern dass ihre ökologische, soziale und städtebauliche Funktion anerkannt wird. Aber eigentlich habe ich das Gefühl, dass die Berliner Politik schon um die Vorzüge von Kleingartenanlagen weiß. Wir werden nicht alle retten können - aber die Vereine, die zu einem Umdenken bereit sind, vielleicht schon.

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