Intersexualität Das Mädchen Lena - wie ein Mann

Was ist, wenn ein Kind kein eindeutiges Geschlecht hat? Dann beginnt das Lügen und Verheimlichen. Und die große Ratlosigkeit.

Von A.-K. Eckardt

"Mit dem Unmöglichen konfrontiert, gab es keine andere Wahl, als es normal zu finden." Jeffrey Eugenides, Middlesex.

Intersexualität; Zwitter; zweigeschlechtlich; Hermaphrodit;

Louvre museum in Paris, shows 'Sleeping Hermaphroditus'

(Foto: Foto: AFP)

Allein beim Gedanken daran scheint die Mutter zu frösteln. Sie schlingt die dicke Strickjacke noch enger um den Körper, blickt nach draußen auf das Baumhaus im Garten, schüttelt den Kopf. Nein, sie hat keinen Plan. Vielleicht wird sie weinen. Oder erleichtert sein, dass das Versteckspiel endlich ein Ende hat. Unzählige Male hat sie sich im Kopf auf den Tag vorbereitet, an dem alles auffliegen wird. Hat sich Sätze zurechtgelegt und sogleich wieder verworfen. Morgen, hat sie sich geschworen, morgen wird sie ihrer Tochter endlich die Wahrheit sagen.

Lena. Ihr Name ist wie der ihrer Eltern und der anderen Betroffenen eigentlich ein anderer. Auf dem Familienfoto in der Küche strahlt sie mit ihren beiden jüngeren Brüdern um die Wette. Bildhübsch ist Lena, 19 Jahre alt, blonde, dünne Haare, Pagenschnitt, weißer Lidschatten.

Schon gleich nach der Geburt hat Eva Veitl gespürt, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmt. Die Klitoris war ungewöhnlich groß, doch die Ärzte beruhigten sie: "Das kommt von der Geburt und verschwindet von selbst." Aber es verschwand nicht. Ebenso wenig wie die Zweifel der Mutter. Markus Veitl, ein selbständiger Unternehmer, weit über das schwäbische Dorf hinaus bekannt, hat damals gehofft, dass seine Frau endlich Ruhe geben würde. Doch Eva Veitl zog mit Lena von Arzt zu Arzt. "Alles ganz normal", bekam sie überall zu hören. Erst nach acht Monaten testete ein Labor die Chromosomen ihrer Tochter. Der Arzt bestellte die Eltern zu sich. Er sagte nicht viel - nur diesen einen unfassbaren Satz: "Ihre Tochter ist eigentlich ein Sohn."

Intersexualität ist auch in modernen Gesellschaften kaum bekannt. Obwohl Schätzungen davon ausgehen, dass allein in Deutschland 80.000 bis 100.000 Menschen mit nicht eindeutigem Geschlecht leben, bleibt Intersexualität ein medizinisches Faktum, das weitgehend totgeschwiegen wird. Auch der große Erfolg des Romans "Middlesex", in dem der US-Autor Jeffrey Eugenides die Geschichte des Hermaphroditen Cal Stephanides erzählt, hat daran nicht viel verändert.

Nur selten, wie kürzlich im Fall einer Leichtathletin aus Südafrika, dringt das Tabu an die Öffentlichkeit. Caster Semenya war bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin auf der 800-Meter-Strecke schneller als alle anderen Frauen. Auffallend schneller. Sofort fragte sich alle Welt: Wer ist diese Frau ohne Taille, ohne Busen? Hat sie nicht etwas zu viele Muskeln? Und ein zu kantiges, maskulin anmutendes Gesicht?

Semenyas Tränen nach dem Sieg waren bald keine Freudentränen mehr. Nicht genug damit, dass die 18-Jährige bereits vor dem Rennen unwürdige Geschlechtstests über sich ergehen lassen musste. Nach dem Gewinn der Goldmedaille wurde alles noch schlimmer. Konkurrentinnen fühlten sich benachteiligt, weitere Tests folgten. Jetzt, zwei Monate später, weiß Semenya noch immer nicht, ob sie ihren Titel behalten darf. Und der Leichtathletik-Weltverband hat noch immer keine Entscheidung im Fall S. gefällt. Bis auf weiteres vertagt, hieß es auch in dieser Woche.

"Gemischte Gonadendysgenesie" lautete die Diagnose bei Lena Veitl. Aber was nutzte ihren Eltern dieses Wissen? Sie hielten ihr Wunschkind in den Armen, ahnungslos, ratlos, fassungslos. Die junge Mutter, damals Anfang 20, mittlere Beamtenlaufbahn, ging in die Bibliothek, wälzte Fachbücher, befragte Spezialisten, suchte nach anderen Betroffenen. "Aber immer wieder wurde uns gesagt, es gäbe keine anderen Fälle", sagt die heute 41-Jährige. Jahrelang glaubten die Eltern, sie seien mit ihrem Schicksal allein. "Das war das Allerschlimmste."

Damit es anderen Eltern nicht so ergeht wie ihnen, ist Eva Veitl bereit zu erzählen. Sie steht in ihrer säuberlich aufgeräumten Küche im adretten Neubau und wird zornig, wenn sie darüber nachdenkt, was Caster Semenya alles über sich ergehen lassen muss. "Sie ist doch kein Täter, sondern selbst ein Opfer", sagt sie. Menschen wie Eva Veitl wissen, dass in vielen Fällen die Betroffenen als Letzte von ihrem Schicksal erfahren.

Auch ihre Tochter ahnt bis heute nicht, dass sie anders ist. "Sie können Ihren Sohn weiter als Mädchen erziehen", gab der Arzt den Eltern damals mit auf den Weg. Noch am Abend zerriss Eva Veitl das einzige Foto, auf dem das beunruhigende Genital zu sehen war, warf Holzautos, rote Strampler und grüne Mützchen in den Müll. Sogar der blaue Pulli, ein Geschenk der Oma, flog in die Tonne. Nur Rosa durfte bleiben - als könnte die Kleiderfarbe die Chromosomen verändern. Nächtelang habe sie damals geheult, erzählt Eva Veitl. "Mein Kind ein "Zwidder?" Sie spricht das Wort mit weichem "d". Aber am liebsten nimmt sie es gar nicht in den Mund. "Es klingt so vulgär, so unanständig, so abartig."

Dass die Übergänge zwischen den Geschlechtern fließend sein können, war schon in der Antike bekannt. Menschen zwischen Mann und Frau benannte man nach dem Sohn des Hermes und der Aphrodite, den die Götter mit einer Quellnymphe für ewig verschmolzen hatten. Seither sind Hermaphroditen ein beliebtes Motiv der bildenden Kunst.

Unter dem Begriff Intersexualität verstehen Mediziner verschiedene Störungen der Geschlechtsentwicklung, kurz DSD genannt, "Disorders of Sex Development". Anders als transsexuelle Menschen, die mit ihrem biologisch eindeutigen Geschlecht unzufrieden sind, trägt ein intersexueller Körper sowohl weibliche als auch männliche Anlagen in sich.

Wie ein entgleister Zug

Tatsächlich ist das Männliche eine Variante eines undifferenzierten, aber weiblich ausgerichteten Urprogramms. Damit aus einem Embryo mit einem männlichen Chromosomensatz ein Junge wird, müssen verschiedene hormonelle Schalter umgelegt werden. Die Weichenstellung von Frau auf Mann erfolgt normalerweise von der siebten Schwangerschaftswoche an, wenn männliche Sexualhormone den Embryo überfluten. Daraufhin springen wieder andere Gene an. Sie bewirken, dass Hoden entstehen und keine Eierstöcke, dass keine Gebärmutter wächst, sondern ein Penis.

Doch in etwa einem von 4500 Fällen gerät dieser Fahrplan ins Stocken, zum Beispiel, wenn die Hoden zu wenig männliche Sexualhormone ausschütten oder die Rezeptoren der Körperzellen diese Androgene nicht erkennen. Dann bleibt die Geschlechtsentwicklung einfach stehen, wie ein entgleister Zug. So kann es kommen, dass Neugeborene äußerlich eindeutig männlich oder weiblich erscheinen und dennoch einen davon abweichenden Chromosomensatz haben. In diesen Fällen wird die untypische Geschlechtsentwicklung erst in der Pubertät oder gar noch später entdeckt. In anderen Fällen bildet sich ein nicht eindeutiges Genital. So wie bei Lena.

"Klitoris, 1,7 Zentimeter" ist auf einem der unzähligen Arztbriefe zu lesen - zu viel für ein Mädchen und zu wenig für einen Jungen. Als die Eltern ihr Kind in die Uniklinik Heidelberg bringen, rückt der Professor gleich mit einer ganzen Schar von Assistenzärzten und Studenten an. In dem kleinen Untersuchungsraum drängen sich 15 Menschen in weißen Kitteln um das nackte, heulende Kind. Als Markus Veitl sieht, dass auch seiner Frau die Tränen in den Augen stehen, bricht es aus ihm heraus: "Schluss, alle raus hier!"

Die Ärzte raten den Eltern, dass sie dringend etwas unternehmen müssen. Als Lena 15 Monate alt ist, lassen sie die Klitoris verkürzen. Doch trotz Ballettunterricht, rosa Kleidchen und Barbiepuppen wird Lena kein normales Mädchen. Schon im Kindergarten rauft sie sich mit Jungs, reißt ihren Barbies die Arme aus, will unbedingt ins Fußballtraining. "Ich kann sowieso nie Kinder kriegen", sagt sie eines Tages plötzlich. Da ist sie gerade mal fünf Jahre alt. Ihrer Mutter wird heiß und kalt. Ahnt das Kind etwas?

Die Frage, ob Lena nicht auch als Junge hätte aufwachsen können, hat sich damals nicht gestellt. "It's easier to make a hole than building a pole" (Es ist einfacher ein Loch zu graben, als eine Stange zu bauen) lautete noch in den 90er Jahren die medizinische Maxime. Und dass überhaupt operiert werden musste, stand für viele Experten außer Frage. Mehr als 80 Prozent der betroffenen Erwachsenen haben heute mindestens eine Operation hinter sich. Zu 90 Prozent wurden dabei Mädchen geschaffen.