Von Werner Bartens

"Babyfernsehen", dubiose Schlankheitskuren und kosmetische Behandlungen - Ärzte bieten häufig unnötige Leistungen, die von den gesetzlichen Krankenkassen nicht erstattet werden, gegen Barzahlung an.

Die Preise unterliegen freier Gestaltung - solange Patienten zahlen. Ein Chirurg nahm 800 Euro dafür, dass er einer Patientin Schweißdrüsen unter der Achsel entfernte. Ein Hausarzt verlangte für seine "Aufbaukur", die sich als simpler Vitaminmix entpuppte, 250 Euro.

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Andere Mediziner rechneten für dubiose Schlankheitskuren und kosmetische Behandlungen dreistellige Summen ab. Gemeinsam ist all diesen Angeboten, dass sie von den gesetzlichen Krankenkassen nicht erstattet werden. Das hat seinen Grund, denn individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL), wie Ärzte die Angebote beschönigend nennen, sind oft medizinisch nutzlos, umstritten oder schädlich.

Am Dienstag stellte das Wissenschaftliche Institut der AOK neue Zahlen vor. Demnach wächst die Vorliebe der Ärzte für IGeL weiter: Immer mehr gesetzlich versicherte Patienten bekommen Zusatzleistungen gegen Barzahlung angeboten. Im vergangenen Jahr machten 25 Prozent der Befragten diese Erfahrung. Hochgerechnet auf die Bevölkerung entspricht dies 18 Millionen Versicherten.

2005 hatten einer ähnlichen Erhebung zufolge 16 Millionen Versicherte IGeL angeboten bekommen. "Wenn Ärzte als Verkäufer auftreten, werden Patienten zu Kunden, die eine Leistung aus eigener Tasche zahlen", sagt Studienleiter Klaus Zok. Für die Untersuchung wurden bundesweit 3000 gesetzlich Versicherte befragt.

Hohe Einkommensgruppen bekommen häufiger Angebote

Die Ärzte achteten offenbar darauf, wem sie ihre Angebote unterbreiteten: In hohen Einkommensgruppen wurden 37 Prozent der Befragten auf eine Zusatzleistung angesprochen.

In der unteren Einkommensgruppe waren es lediglich 15 Prozent. Obwohl es erforderlich ist, unterblieb in fast zwei Drittel der Fälle die schriftliche Vereinbarung. Ein Fünftel der Patienten zahlte zwar, bekam aber nie eine Rechnung. Am häufigsten boten Gynäkologen, Augenärzte und Urologen IGeL an.

"Der IGeL-Markt ist voller Beispiele, die medizinisch nicht sinnvoll sind und nur aus kommerziellen Gründen vermarktet werden", sagt Michael Kochen, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. "Dagegen bin ich strikt, das ist ethisch bedenklich." Ein Arzt wurde im Internet noch deutlicher: "Die Praxis ist zum Basar verkommen."

Der geschätzte Jahresumsatz mit IGeL beträgt eine Milliarde Euro. In Umfragen gibt mehr als die Hälfte der Praxisärzte an, ökonomisch nicht mehr auf diese Angebote verzichten zu können. Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe hat bedauert, dass immer öfter "Kommerz statt Mildtätigkeit" das Arzt-Patienten-Verhältnis bestimme.

Die AOK-Studie ergab, dass am häufigsten Ultraschall angeboten wurde, gefolgt von Messungen des Augeninnendrucks und "ergänzenden" Tests zur Früherkennung von Krebs. Sind sie medizinisch nötig, erstatten Kassen die Untersuchungen.

Wollen Paare mehr als dreimal während der Schwangerschaft "Babyfernsehen", Ärzte per Schall den Bauch einsehen oder Augendruck messen, ohne dass ein medizinischer Grund vorliegt, ist das jedoch wissenschaftlich unsinnig. Das gilt ebenso für jährliche Abstriche am Gebärmutterhals, wenn Krebstests zuvor unauffällig waren.

"Es gibt auch sinnvolle Angebote, reisemedizinische Beratung oder die Prüfung der Tauchtauglichkeit etwa", sagt Michael Kochen. Er hat sich angewöhnt, Patienten vor kommerziellen Auswüchsen zu warnen: "Wenn ich einen zum Augenarzt schicke, rate ich ihm, kein Bargeld mitzunehmen."

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(SZ vom 11.7.2007)